Unberechenbare Menschen

Das sind nicht die, die sich zu ihrer Ideologie bekennen. Dazu kann man etwas sagen, zumindest, sofern sie einem zuhören. Oder man kann konkret etwas tun. Nein, die wirklich Unberechenbaren sind die, die sich auf der richtigen Seite wähnen, sich aber ihrer Denkstrukturen nicht bewusst sind.

Wie sagte doch Marshall McLuhan? Die Form definiert den Inhalt. Doch was ist hier Form und was der Inhalt? Die Ideologie, der ich folge, ist Inhalt. Früher folgte ich beispielsweise der Ideologie der SPD. Willy Brandt und sein Kniefall waren für mich der Auslöser, in die SPD einzutreten und mich politisch zu engagieren. Scheinbar. Doch ohne mein Geltungsbedürfnis, das Bedürfnis, mich darzustellen, mein Machtverständnis, die Überzeugung, etwas „Richtiges“ bewirken zu können sowie meine Fähigkeit, mich auszudrücken waren die Form, die das überhaupt möglich gemacht hat.

Warum aber die SPD und nicht die CSU? Oder die Grünen? Ganz einfach, weil im richtigen Moment jemand zu mir sagte, ich solle doch mal mitgehen und mir das anhören. Es war ganz einfach die Gruppe von Menschen, in der ich sozialisiert war, Menschen, denen ich mich zugehörig fühlte, weil sie mir Gemeinschaft boten. Der Mensch ist nun einmal ein Gemeinschaftstier, und in der SPD wurde ich mit offenen Armen aufgenommen, denn man suchte gerade einen Vortänzer für die anstehende OB-Wahl.

Denken Sie, dass das bei meinem Vater 1933 anders war, als er sich den Nationalsozialisten anschloß? Ein intelligenter junger Arzt, der etwas werden wollte und der eine Gemeinschaft suchte, war doch sein Vater 1914 gefallen, er also ohne Vater aufgewachsen. Und schon war er in der Maschinerie drin, war verführbar geworden. Und weil er über den Beruf die „richtigen“ Leute kennenlernte, nämlich Ludwig Zukschwerdt, Heinz Kalk, Paul Rostock, Karl Brandt, Georg Magnus, alle im Nationalsozialismus ganz vorne mit dabei, engagierte auch er sich ganz offensichtlich für die NS-Ideologie und war wie sie bereit, moralische und ethische Grenzen zu überschreiten. In letzter Konsequenz arbeitete er dann mit Brandt und Rostock zusammen, unter anderem bei der Durchführung von Menschenversuchen.

Was unterscheidet meinen Vater von mir? Ich hatte einfach das Glück, nicht im Nationalsozialismus zu leben. Und ich hatte weiter das Glück, dass sich in meinem beruflichen Umfeld die „richtigen“ Menschen für mich interessierten – warum auch immer. Darf aber Glück oder Pech das entscheidende Kriterium für das eigene moralische und ethische Verhalten sein? Sicher nicht! Nur was ist es dann?

Ethik und Moral sind der Inhalt, aber nicht die Form (des Denkens), die Struktur, die sie hervorbringt. Für uns Menschen ist das unser Weltbild, wie wir uns die Welt und unsere Beziehung dazu vorstellen, sowie darauf aufbauend unsere Werte, die sich dann in der jeweiligen Moral und Ethik ausdrücken. Doch wie stabil sind sie? Oder anders ausgedrückt, wie leicht sind wir verführbar – wie eben mein Vater? Oder auch ich selbst? Wie gesagt, ich hatte verdammtes Glück, in einer anderen Zeit zu leben. Aber mein Verdienst ist es nicht, dass ich nicht in einer radikalen Ecke gelandet bin. Denn auch ich war ganz klar verführbar! Und vielleicht bin ich es noch? Weiß ich es?

Das Einzige, was ich tun kann, das ist meine Denkstrukturen zu klären und mein Denken zu trainieren. Wo immer möglich über Fakten zu sprechen und nicht über Werte. Mir stets bewusst zu sein, dass Begriffe immer relativ sind. Niemanden und nichts auszugrenzen. Mich in geistiger Propriozeption üben, mir bewusst zu sein, was es wirklich bedeutet, was ich gerade denke. Mir bewusst zu sein, dass Wirklichkeit ein Konstrukt meines Denkens ist und nicht real existiert. Genau hinzuschauen, etwa, dass eine Firma niemals etwas tut, sondern nur Menschen etwas tun können. Eine Firma ist und bleibt ein rechtliches Konstrukt, mehr nicht. Und dass niemand so oder so ist, sondern sich nur so oder so verhält.

Die Liste ist lang. Aber sie ist elementar und ich muss mich daran halten, will ich nicht verführbar sein. Denn ich werde nicht verführt, ich bin verführbar – oder nicht. Vor allem muss ich aufhören zu glauben, dass meine „guten Absichten“ wie meine mir bewussten Einstellungen mich auch im Ernstfall schützen würden. Es ist ein langer Weg vom explizitem Denken zu implizitem Denken. Das habe ich erfreulicherweise durch das Motorradfahren „gelernt“. Ich fing erst mit 65 damit an. Da ich ein paar Semester Physik studiert hatte, begriff ich sehr schnell, wie ich idealerweise um eine Kurve fahre. Doch es dauert eine Ewigkeit, bis ich es auch endlich konnte.

Was mir fehlte, war die geistige Propriozeption, die geistige Präsenz und damit unbewusste (!!) Anwendbarkeit meines vorhandenen Wissens. Das Schöne beim Motorradfahren ist, dass ich unmittelbar und sehr direkt merke, wenn ich mein Wissen noch nicht verinnerlicht habe. Beim Denken ist das schon schwieriger, da meinen wir sehr schnell, wir würden immer genau so denken, wie wir bewusst denken. Nur das stimmt leider nicht. Dummerweise glauben sehr viele, dass etwas bewusst zu denken auch bedeutet, dass man es nichtbewusst auch denken würde. Das ist nicht zwingend der Fall, nur wenn wir es verinnerlicht haben. Das aber können wir bewusst nicht wissen!

Das zeigt sich nur in unserem Tun. Doch meine unbewussten politischen Gedanken bekomme ich selten so klar präsentiert wie mein unbewusstes Verhalten auf dem Motorrad. Dieses andere Element, das uns klares Feedback gibt, das haben wir in den allerseltensten Fällen. Wie gesagt, ich selbst bin mir kein guter Feedbackgeber, denn ich finde erst einmal alles richtig, was ich tue, auch wenn es falsch ist.

Wenn ich jedoch, wie Jon Kabat-Zinn sagt, die Wellen zwar nicht stoppen kann, aber lernen kann, auf ihnen wie ein Surfer zu reiten, dann muss ich wohl oder übel wirklich richtig denken – und nicht nur glauben, ich würde es tun.