Theorie und Praxis

Stimmt selten überein. Das merke ich immer wieder – an mir selbst. Ich würde oder wäre ja gerne, aber ich tue es leider oft nicht. Merken tue ich das dann immer erst hinterher; mittlerweile oft auch schon, während ich tue, was ich „eigentlich“ nicht (mehr) tun möchte, aber ich bin ganz offensichtlich nicht in der Lage, umzuschalten.

Es ist also ganz offensichtlich so, dass mein implizites (die Praxis) noch nicht zu 100% meinem explizitem (der Theorie) Verhaltenswissen entspricht. Was natürlich die Frage aufwirft, wie ich das ändern kann, denn ändern will ich es ja definitiv. Was ich also bisher an entsprechendem Änderungsrepertoire hatte, genügt ganz offensichtlich nicht. Das Wissen hätte ich ja. Wo aber steckt der Konjunktiv drin?

Vor nicht allzu langer Zeit war ich in einer ähnlichen Situation, nämlich als ich begann, Motorrad zu fahren. Die Frage dabei ist nicht, was mich Motorrad fahren üben ließ, sondern was mich überhaupt üben ließ. Was brachte mich dazu, „es“ zu wollen? Was ließ mich den inneren Schweinehund überwinden, wenn der nicht wollte?

Gut zureden hilft nicht, genauso wenig wie gute Vorsätze oder Konzepte und Methoden. Beim Motorrad war es der Wille, mich nicht zu blamieren. Da wirkte wohl mein alter Wahlspruch „Was ein anderer kann, kann ich auch“. Nur war es der wirklich? Ich denke nein.

Jedenfalls war da etwas Größeres, Stärkeres, das mich ergriffen hatte. Das ist auch jetzt da, ich muss es nur nicht zu erkennen suchen, sondern zulassen, dass es da ist. Statt jedoch weiter zu grübeln, sollte ich das tun, was ich beim Motorfahren auch mache, jedenfalls meistens: Ich unterscheide nicht.

Am Anfang mag da vielleicht ein „ich will“ gestanden haben, doch am Ende bleibt nur das: Keine Unterscheidung. Das braucht Disziplin, Konzentration und klare Ausrichtung. Ch’an-Menschen nennen das einen einspitzigen Geist. Und der trennt eben nicht.

Auch die Praxis nicht von der Theorie. Muss ich mir merken. Und was würde ein Ch’an-Mensch dazu sagen? „Ein ruhiger Geist ist alles, was du brauchst. Alles andere wird richtig geschehen, sobald dein Geist still ist.“ Punkt. Also nur noch denken durch NichtDenken, handeln durch NichtHandeln. Und wenn ich frage, wie er das macht, dann würde er mir wohl antworten, ich solle es einfach machen. Solange, wie noch ich noch eine Erklärung notwendig habe, mache ich es nämlich nicht.

Woher ich weiß, dass es so ist? Das weiß ich von meinen Erkenntnissen (oder weniger dramatisch, von meinen Erfahrungen), die ich beim Motorradfahren gemacht habe. Bis ich aber bei meinem Ziel angelangt bin, dem Denken aus NichtDenken und dem Handeln aus NichtHandeln, brauche ich wohl noch ein paar Stützräder.

Respekt mir selbst gegenüber, zu lernen, mich selbst so zu lieben, wie ein Vater und eine Mutter ihr Kind lieben, selbstlos, nicht dieses soziale Bild von Liebe, nein, wirklich lieben – ohne Wertschätzung.