Szenenwechsel

Die aktuelle Szene bedingt, welche Rolle ich einnehme. Das habe ich gerade gemerkt, als ich bei der Musik, die ich gerade höre, auf ein anderes Genre umsteigen wollte, jedoch gleich wieder reumütig zurückging, denn das, was ich schreiben wollte, lies sich in dem Musikframe, den ich ausgewählt hatte, einfach nicht schreiben.

Frames nennt man solche verinnerlichten Deutungsrahmen, die das Denken, Fühlen und Handeln des Menschen beeinflussen, mehr noch als Fakten und Rationalität. Ohne aktiven Frame kann ich nichts wahrnehmen, nichts empfinden, nichts politisch denken.

Die jeweils von mir aktivierten Frames stehen für das, was ich für richtig, für falsch, für stimmig, für lustig oder für traurig halte. Leider entzieht sich das immer wieder meinem Verstandesbewusstsein. Es ist sehr schwer, mir meine Frames wirklich bewusst zu machen, meist kann ich sie nur als diffuse Stimmung wahrnehmen. Vieles halte ich für richtig (oder falsch) könnte aber nicht sagen, weshalb. Jedenfalls nicht spontan.

Am leichtesten lassen sich solche Frames anhand meiner Sprache feststellen. Wobei man, etwa ein „du musst“ sehr unterschiedlich verstehen kann. Für den einen ist Ausdruck einer Konsequenz, für den anderen der Ausdruck des Beherrschen-Wollens. Da muss man schon sehr genau hinhören und den gesamten Kontext betrachten. Mit anderen Worten: In der nicht bewussten (!) Wahl meiner Sprache wird der Rahmen erkennbar, durch den ich die Welt und mich selbst betrachte. Ich nehme alles in einem Rahmen war, ohne den geht es nicht. Gilt übrigens auch für jeden anderen.

In meinem letzten Text habe ich darüber geschrieben, wie existenziell wichtig es ist, nicht fragmentiert zu denken. Wie das im Gespräch gehen könnte, hat David Bohm ausreichend beschrieben, nämlich mit dem Dialog. Leider sprechen viele von Dialog und meinen, sie seien auch im Dialog, sind es bei genauer Betrachtung aber nicht. Ein ähnliches Phänomen wie bei der gewaltfreien Kommunikation, wo ja manche denken, sie würden gewaltfrei kommunizieren, machen aber das genaue Gegenteil. Sprache schafft Bewusstsein, wir müssten uns nur genau zuhören können. Je nachdem, in welchen Rahmen die Botschaften gesendet werden, so unterschiedlich können die Deutungen der Empfänger sein.

Warum das so oft passiert? Ganz einfach deshalb, weil sich viele nicht bewusst sind, dass sie den Frame wechseln müssten, durch den sie die Welt und ihr Gegenüber wahrnehmen, wollen sie etwa wirklich gewaltfrei oder dialogisch kommunizieren. Sie schauen, bildlich gesprochen, nur über den Tellerrand hinaus, denken aber nicht wirklich anders – weil sie immer noch den alten Frame verwenden. Anders denken kann man aber nur in einem anderen Frame! Sagte ich schon, dass uns die Frames, die wir verwenden, nicht bewusst sind? Das bedeutet nämlich, dass wir sie selbst nur in extrem seltenen Fällen bewusst wahrnehmen können, also nur, wenn wir sozusagen über sie stolpern und aus dem Gleichgewicht gebracht wurden. Deshalb brauchen wir den Dritten, der uns aufmerksam zuhört und uns neugierig fragt, warum wir den so und nicht anders formulieren würde.

Man kann das ganz leicht an sich selbst testen. Denken sie einmal, ohne den Blick von dem Medium zu wenden, das Sie gerade verwenden, an das, was sich hinter Ihnen und was rechts und links sowie sich vor Ihnen befindet. Sie werden merken, Sie haben sofort eine räumliche Vorstellung, Sie empfinden das körperlich. Und genau das bewerkstelligt der Frame, den Sie für vorne, hinten, rechts, links und oben wie unten haben. Oder nehmen Sie Zeit. Europäer habe ein völlig anderes Zeitempfinden als Beduinen. Eben einen anderen Frame. Eine Uhr zeigt eben nicht die Zeit an, die wir empfinden.

Wenn wir etwas „verstanden“ haben, etwa fragmentiertes Denken, dann dehnt man seinen Frame ein wenig, aber man kann ihn nicht wirklich verlassen, es sei denn, man tauscht ihn komplett aus. Aber dann verlässt man ihn ja nicht, sondern man aktiviert den Neuen. Das ist übrigens der Wechsel zwischen explizitem zu implizitem Wissen. Implizites Wissen setzt sich aus dem Wissen als solchem und der entsprechenden Erfahrung zusammen.

Die Erfahrung schafft den neuen Frame! Wenn ich etwas verstanden habe, heißt das also noch lange nicht, das auch wirklich anwenden zu können! Wirkliches Wissen braucht Erkenntnis und Erfahrung!