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Struktur versus Inhalt

Peter Kruse spricht in einem Video über einen der wesentlichen, leider selten wahrgenommenen Aspekt in unserem Zusammenleben: Zu schnell schauen wir auf die Dynamik der Inhalte und machen uns nicht klar, dass dahinter eine Systemarchitektur steht (ich sage immer Form dazu). Die entscheidet letztlich, mit welchen Inhalten wir es am Ende zu tun haben. Es ist, wie Peter Kruse sagt: Es fehlt die Bewusstheit und die Wachheit für diese Tatsache.

Wir erfahren gerade in unserem alltäglichen Leben eine immer stärkere Tendenz zur Nichtlinearität. Das bedeutet, dass die Vorhersagbarkeit zukünftiger Ereignisse mehr und mehr abnimmt. Die Vielfalt der Möglichkeiten, die sich uns immer mehr zeigt, vermittelt oft das Gefühl, sich nicht vorbereiten zu können.

Das liegt nicht daran, dass vieles mit einem Mal komplex geworden wäre, das ist es schon immer. Nur haben wir über den Umweg der auf Komplexität beruhenden Technik Komplexität in unsere Lebensstrukturen getragen, vor allem in der Kommunikation und in den Arbeitsprozessen. Das heißt, wir suchen alle nach Wegen, wie wir mit dieser Komplexität umgehen können.

Erkannt hat das unter anderem Marshall McLuhan. Lange bevor es Facebook gab prophezeite er, wie Facebook „funktionieren“ würde. Peter Kruses Thema ist zwar Führung, doch davon darf man sich nicht ablenken lassen. Die Struktur unserer Beziehungen gestaltet die Inhalte. Was er beschreibt gilt ganz allgemein, wirklich jede Beziehung funktioniert so. 

Das ist auch sehr logisch, denn wenn alles ein Prozess ist, dann bestimmt die Prozessarchitektur den Inhalt – und nicht umgekehrt. Eltern suchen Kindern beizubringen, höflich zu sein. Sag „bitte“ oder „danke“ heißt es dann. Doch das bleibt eine Phrase, nämlich dann, wenn die Kinder dem anderen gegenüber keinen Respekt haben. Aber nicht, weil er älter oder sonst was ist, sondern weil sie ihn von sich aus respektieren. Das ist die Struktur, die Höflichkeit zwingend (!!) entstehen lässt!

Entscheidend ist, dass man die Bedeutung der Struktur erkennt und dann, dass man mit ihrer Gestaltung umgehen kann. Auf der Seite CSS ZEN GARDEN wird dies perfekt demonstriert. Man braucht ein Stylesheet, sonst bekommt man es nicht hin. Stylesheet-Sprachen sind formale Sprachen, bekannt aus der Informationstechnik, um das Erscheinungsbild von Dokumenten bzw. Benutzeroberflächen festzulegen. Mit anderen Worten: In einem Stylesheet ist das Weltbild einer Website festgehalten.

So ist es auch in meinem alltäglichen Leben. Ein Beispiel ist das Weinglas. Der Unternehmer und Glasdesigner Claus Josef Riedel war einer der ersten, die sich mit den Fragen nach der Funktion des Glases, nach dem Zusammenspiel von Glas und Eigenart des Weines beschäftigte. Ohne das „passende“ Glas kommt der jeweilige Wein nicht zur Geltung, die Glasform ist bei der Entstehung (!) des Geschmacks beteiligt. So ist es auch im ganz normalen Leben.

Aus genau diesem Grund beeinflusst auch Kleidung unsere Arbeitshaltung. Kleider verändern nicht nur unsere Wirkung auf andere, sie beeinflussen auch die eigene Leistung. Und wenn Sie Sportler sind, tragen Sie rot, nicht blau. Dann ist die Wahrscheinlichkeit zu siegen höher. Perfekte Kleidung fördert nicht nur die Karriere. Ob ich wohl deshalb nie in Jogginghosen herumlaufe?

Erst muss ich mir Gedanken über mein Weltbild machen, denn das definiert, wie ich mich zu anderen in Beziehung setze.

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