Stille

Alles andere als untätig sein! In der wirklichen Stille, die ja etwas völlig anderes als Nichtstun ist, geht (nicht nur) in mir die Post ab. Das kam mir heute früh in den Sinn, als mir bewusst wurde, welche körperlichen Probleme ich aktuell nicht mehr habe. Ich war vor circa 4 Wochen bei einem TCM-Arzt in Behandlung. Was und wie die Nadeln bewirkt haben, mit denen er mich gespickt hat, weiß ich nicht, aber jedenfalls hat das offensichtlich Selbstorganisation ausgelöst. Ich bin nämlich wieder gesund.

Es sind ja weder Medikamente noch Nadeln dafür verantwortlich, wenn ich wieder gesund werde, sondern dass die Selbstheilungskräfte wieder in die Gänge kommen – und damit wieder Selbstorganisation möglich wird. In einem bin ich mir sicher, nämlich dass ich diesem Phänomen durch mein Denken Hindernisse in den Weg legen kann. Nur weiß ich leider nicht, wie ich das mache.

Was ich jedoch weiß, dasitzt, dass ich kaum Bezug zu meinen Organen habe. Wir lesen gerade mit unserem Enkel das Buch „Die Kackwurstfabrik“, was mir sehr deutlich macht, dass ich oder auch wir wenig bis nichts von dem überhaupt miterleben, was in uns passiert. Meist werden wir nur darauf aufmerksam, wenn etwas nicht mehr funktioniert, wie es sollte. Und vieles nehmen wir einfach hin, wie etwa Heuschnupfen, Allergien oder Migräne, um nur ein paar Beispiele zu nennen. Statt uns auf die Suche nach den gedanklichen Ursachen zu machen, werfen wir lieber eine Pille ein und gut ist es. Was nur leider nicht stimmt.

Das erinnert mich immer an einen Gedanken, den ich in einem Buch über einen Shaolin-Mönch gelesen habe. Ein Mann wollte bei ihm Kampfkunst studieren. Der Mönch fragte ihn, ob er mit seiner Milz kommunizieren könne. Oder seiner Leber. Als er das verneinte. sagte ihm der Mönch, er solle erst wiederkommen, wenn er das könne. Was er dann auch tat. Zwei Dinge kann man dieser Geschichte entnehmen: Es ist durchaus möglich, in Kontakt (wie auch immer) mit seinen Organen zu stehen, so eine Form der organischen Propriozeption, und zum anderen sagt uns das, dass diese Art der Propriozeption  für herausragende Leistungen ganz offensichtlich Voraussetzung ist. Mich interessiert die Kampfkunst der Shaolin-Mönche nicht sonderlich, aber die Voraussetzungen der Selbstorganisation – die interessieren mich gewaltig.

So, wie ich vor noch nicht allzu langer Zeit erkannt habe, dass mir Propriozeption auf der Bewegungsebene fehlt und ich das lernen konnte, so ist es ganz offensichtlich auch auf der Ebene der inneren Organe. Also erkannt habe ich es, jetzt muss ich es nur noch lernen, wobei „es zu praktizieren“ wohl der bessere Begriff ist. Etwas zu praktizieren bedeutet ja nur, dass ich es bewusst in der Praxis anwende, was ja nicht bedeutet, dass ich es von vorne herein könnte. Sicher kann ich es nicht so lernen, wie ich mal das Einmaleins oder französische Vokabeln gelernt habe.

Ich erwähne das nicht ohne Grund: An dem Beispiel „Sprache lernen“ kann man den Unterscheid deutlich machen. Die einen lernen Sprache intuitiv, können aber keine Rechtschreibung (so wie ich). In jungen Jahren konnte ich Französisch und Englisch fließend, aber nicht schreiben. Ich „lernte“ es nicht durch Vokabeln auswendig pauken, sondern ich habe jede Menge Bücher in Französisch und Englisch gelesen und viel geredet. In den Ferien war ich immer in Frankreich oder England. Bei der Propriozeption ist es noch einen Tick extremer, das „lernt“ man nämlich nur intuitiv. Oder Motorradfahren. Das lernt man auch nur, wenn man es praktiziert, sonst nicht. Wissen darüber zu haben ist immer sinnvoll, aber nur durch das Praktizieren kann daraus eine Kunst werden.

Ob ich jetzt Bewegung-Propriozeption gelernt habe oder Sprachen, ich habe dabei immer aus der Stille heraus praktiziert. Nur wenn ich innerlich still bin, können sich die Wörter und Begriffe in meinen Gedanken bilden. Auch Denken braucht Stille und nicht den Lärm! Selbst Motorradfahren lernt man genauso. Auch das kann man nur bewusst „machen“, aber nicht willentlich. Bewusstheit aber braucht die innere Stille. Der Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen hat das sehr gut ausgedrückt:

Die Stille hat einen eigenen Zauber, und man denkt Gedanken, die man unter den Bedingungen der Totalablenkung nicht gedacht hätte.“