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Sprache und Wirklichkeit

Mit unserer deutschen Sprache bin ich nicht in der Lage, Wirklichkeit eins zu eins abzubilden.

Ob das mit asiatischen Sprachen besser gehen kann, da sie ja ganz anders aufgebaut sind, kann ich nicht sagen, denn ich beherrsche sie nicht. Doch was kann ich tun, um nicht in mystizistisches Geschwurbel abzudriften? Eine, wie ich finde, sehr gute Frage.

„Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt.“ Dieses weithin bekannte Wort stammt von Ludwig Wittgenstein. Dieser Annahme nach ist meine Sprache entscheidend dafür, in welchem Maße ich die Welt erfasse – sei es auf sozialer, naturwissenschaftlicher oder philosophischer Ebene. Und genau da steckt ein Problem drin, wenn ich eine Sprache verwende, die der Wirklichkeit nur vordergründig entspricht.

Samuel Beckett, der wie kaum ein anderer die Begrenztheit sprachlicher Mitteilbarkeit in seinen Stücken erkundet hat, schreibt 1937 an seinen Freund Axel Kaun: „Und mehr und mehr erscheint mir meine eigene Sprache wie ein Schleier, der zerrissen werden muß, um heranzukommen an die Dinge (oder das Nichts) dahinter.“ Und weiter: „Da wir die Sprache nicht auf einen Schlag auslöschen können, sollten wir zumindest nichts unversucht lassen, was dazu beitragen kann, sie in Verruf zu bringen. Ein Loch nach dem anderen hineinbohren, bis das, was dahinter lauert – sei es etwas oder nichts – durchzudringen beginnt; ich kann mir heute kein höheres Ziel für einen Autor denken.“

Nun, in Verruf möchte ich unsere Sprache der Dichter und Denker wirklich nicht bringen, ich habe ja auch nur diese Muttersprache. Das wird Beckett wohl auch nicht gemeint haben, sondern eher wollte er bewusst machen, dass Sprache nur etwas Vordergründiges, nie aber das Hintergründige abzubilden vermag; allenfalls kann sie ein Ahnung davon vermitteln. Was also würde Meister Eckhardt, der große Mystiker, den Dichtern und Denkern heute sprachlich raten? Er würde wohl empfehlen in Bildern zu sprechen. Oder gleich die Klappe zu halten.

Den Mund zu halten ist dann angesagt, wenn der Andere grundsätzlich nicht bereit ist, in einen ernsthaften Dialog einzutreten, sondern diskutieren oder debattieren möchte. Will er keinen Dialog, dann kann man das Reden gleich sein lassen, außer natürlich, man spricht über Belangloses oder rein Technisches. Ansonsten bleibt mir nur der Dialog, will ich mich nicht weiter im Sumpf der Konvention suhlen. Doch warum immer diesen Fokus auf den Dialog? Meine Erfahrung ist, dass wir nicht nur über Worte kommunizieren. So wie in einem Gedicht Emotionen „transportiert“ werden, die dort nicht stehen, so kann in einem Dialog Wissen kommuniziert werden, das in dem Text nicht enthalten ist.

Nur dann, wenn ich sozusagen ohne eigene Gedanken bin, bin ich in der Lage, mich auf Unbekanntes einzulassen. Das wiederum bedeutet, dass ich auf diese Weise lernen kann, etwas anderes als bisher zu denken, also andere Synapsenverbindungen herzustellen. Das ist die Voraussetzung, um etwas anderes denken zu können. Doch um andere Synapsenverbindungen herzustellen, muss ich entsprechend – also anders – leben. Es ist bei allem so, dass ich tatsächlich tun muss, was ich lernen will. Nur intellektuell darüber zu reden hilft nichts. Um Motorrad fahren zu lernen muss ich eben Motorrad fahren. Mentales Training hilft zwar, aber es ersetzt es nicht.

Beim „nur“ Denken ist das eine wirkliche Herausforderung, denn nur darüber zu reden nutzt nicht, ich muss es auch tun. Etwa argumentieren, es anderen erklären und so weiter. Doch das ist nicht alles. Denn über meine Sprache definiere ich den Raum des mir Möglichen. Wir wissen heute, dass wir durch unser Bewusstsein viel mehr bewirken, als wir bisher dachten. Übrigens nicht nur wir. Aber das ist ein anderes Thema. Die große Schwierigkeit ist die Grenze zwischen völlig abwegig und noch nicht realistisch zu erkennen. Sich jedoch nur auf das zu beschränken, was aktuell realistisch ist, ist sicherlich zu kurz gedacht. Eines muss uns dabei klar sein:

Wirklichkeit ist nicht, sie wird auch nicht gestaltet, sondern kreiert. Und zwar erst einmal durch Gedanken, also durch Sprache.

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