Sichtweisen

Was sehe ich, wenn ich etwas sehe? Manchmal wird das eigene Selbstverständnis durch scheinbar ganz Normales gewaltig erschüttert. So geht es mir gerade (Januar 2022) angesichts der Corona-Pandemie. Was ist passiert? Ein Virus ist (wahrscheinlich) vom Tier auf den Menschen übergesprungen, mit teilweise gravierenden Folgen. Das ist die „Grundlage“, die entscheidende Frage aber ist, wie ich darauf reagiere, wie ich damit umgehe. Mit anderen Worten: Wie sehe ich die Situation?

Bisher hatte ich eine klare Ansicht, eine eindeutige Meinung dazu. Doch dieses Zitat von Davis Bohm hat mich gewaltig ins Schleudern gebracht:

„Diese Art der Untersuchung wird sich allerdings von dem unterscheiden, was uns bisher in der Wissenschaft bekannt ist. Denn der Untersuchende selbst ist untrennbar mit eingefangen in der Wirksamkeit des Konzeptes vom Selbst, welches er untersuchen will.

Er wird sich deshalb selbst als entscheidenden Faktor einbeziehen müssen, der untersucht werden muss.

Dieses zu tun mag schwierig sein, aber keine große Leistung der Menschheit ist je leicht gewesen. Ich möchte betonen, dass es gute Gründe für diese Art der Untersuchung gibt und dass es zur Erforschung der involvierten Probleme einen ernsthaften und beharrlichen Einsatz erfordert, was wohl individuell als auch gemeinsam in Gruppen durchführbar ist.“

Das bedeutet nichts anderes, als dass ich selbst, also mein Denken, die Linse ist, durch die ich die Welt sehe. Ups. Mit anderen Worten: Ich definiere selbst, was ich sehe. Nur wie kann ich davon ausgehen, dass ich die Situation wenigstens einigermaßen wirklichkeitsnah beurteile? Die Antwort ist überraschend einfach: Ich brauche einfach nur nicht zu urteilen und zu beurteilen. Wie sagt doch Seng-Ts’an? Sucht nicht nach der Wahrheit, sondern hört auf, Meinungen zu hegen. Der Gedanke ist absolut richtig, auch wenn ich es nicht immer hinbekomme.

Wenn ich also ohne Beurteilung und ohne Meinung leben will, muss ich gewaltig aufpassen, nicht in Beliebigkeit abzudriften. Davor schützt mich ganz klar Bewusstheit. Auf Neudeutsch ‚Propriozeption im Denken‘. Nur ist es eine Illusion zu glauben, dass ich dann die Welt nicht mehr so sehen würde, wie ich sie eben sehe, also subjektiv, keinesfalls objektiv. Ich will versuchen, einmal zu erklären, wie ich es verstehe. Lassen Sie mich am Ende beginnen, also mit der Frage, wie es sich dann lebt. Ich suche das immer aus der Perspektive des Motorradfahrens zu erklären:

Es ist einfach unvorstellbar, bevor man es nicht selbst erlebt hat. Man kann es leben, aber man kann es sich nicht vorstellen. Wenn alle Gedanken und Überlegungen wegfallen, wenn ich absolut ohne einen einzigen Gedanken bin, wenn ich absolut still bin … dann bin ich wirklich. Beim Anblick der Wahrheit fällt alles ins Schweigen. Oder Umgekehrt: Wenn ich schweige, komme ich in der Wirklichkeit an. Im alltäglichen Leben ist es nicht ganz so einfach, da fehlt das Hilfsmittel, das einen unmittelbar mit der Wirklichkeit konfrontiert: Das Motorrad.

Das Motorrad selbst folgt zwar sozusagen einem kartesischen Koordinatensystem, aber der Typ oben drauf, also ich, ich folge einem Kugelkoordinatensystem. Spreche ich von meinem Motorrad, etwa wie ich eine Kurve ideal fahre sollte, dann genügt das einfachere Koordinatensystem. Spreche ich aber von mir, wie ich die Kurve dann auch so fahre, also mein theoretisches Wissen anwende, dann wird es knuffig. Das kann ich nämlich nicht mehr erklären, dessen kann ich mir nur bewusst sein.

Doch das war es beziehungsweise ist es noch lange nicht. Denn auch das Denken durch NichtDenken, denn darum geht es hier, setzt ein klares und eindeutiges Weltbild voraus! Nur, wenn die Leere, wie es im Ch’an heißt, in meinem Koordinatensystem enthalten ist, komme ich da leicht hin. Gibt es die Leere nicht, werde ich nie gut um die Kurve kommen. Ein Freund sagte immer zu mir: Mach’s einfach. Letztlich meinte er: Denk nicht! Interessanterweise das selbe, was ich auch im Ch’an immer wieder hörte: „Hör auf zu denken!“ Leichter gesagt als getan, denn da gilt es eine Menge innerer Barrieren zu überwinden.

Aber ich habe ja mal ein paar Semester Physik studiert und bin auch ein recht pragmatischer Mensch, also habe ich mir die innere Struktur der Quantenmechanik einmal näher angeschaut. Erstaunlicherweise ist das so ziemlich genau die selbe wie die des Ch’an. Also schaue ich, dass ich mit diesem Koordinatensystem denken kann. Will ich mit dem Zug nach Erlangen fahren, dann genügt ein einfaches Koordinatensystem. Aber nicht mehr, wenn ich – scheinbar oder tatsächlich – in einer pandemischen Situation lebe und mein Verhalten gestalten soll.

Was also ist das Koordinatensystem, das ich brauche, um etwas zu bestimmen beziehungsweise verstehen zu können? Genügt ein kartesisches Koordinatensystem oder brauche ich doch ein Kugelkoordinatensystem? Oder etwas ganz anderes, noch Komplexeres? Genau das begegnet mir aktuell in den Diskussionen um Corona.

Das erste mal ist mir dieses „Thema“ bewusst in Galtür begegnet. Galtür ist durch ein Lawinenunglück zerstört worden, Menschen starben. Aber die Einwohner von Galtür bauten ihr Dorf wieder auf. In der Dokumentation zu dem Unglück – das es aus wissenschaftlicher Sicht eigentlich gar nicht hätte geben dürfen – fand ich diesen Gedanken, der besagt, dass man einfach mit einem Koordinatensystem gerechnet hat, mit dem man nicht hätte rechnen dürfen.

Macht nachdenklich, sehr nachdenklich.