Sich selbst im Weg stehen

Wieso hindere ich mich selbst daran, ‚richtig‘ zu leben? Vielleicht war diese Frage die Motivation für Aristoteles, Rousseau, Georges-Louis Leclerc de Buffon, Husserl nach dem ‚sechsten Sinn‘ zu suchen? Ich weiß es nicht.

Aikido etwa gibt es, weil Ueshiba Morihei erkannte, wie krank das gewöhnliche Verhalten der Menschen untereinander war und dass ‚richtig leben‘ anders geht. Doch Aikido zu praktizieren bedeutet noch lange nicht, dass der Praktizierende auch die spirituelle Dimension erkennt, die Ueshiba Morihei erkannte.

Oder die gewaltfrei Kommunikation nach Marshall B. Rosenberg, die ich auch einmal lernte – aber lange nicht begriffen hatte, erst als ich sein Buch über die Spirituelle Dimension der GFK las, kapierte ich, was er wollte. Was aber noch lange nicht bedeutete, dass ich es auch hätte leben können. 

Oder nehmen Sie Ch’an. Wozu braucht es diese Gedanken wie die Philosophie Nagarjunas, um ‚richtig‘ leben zu können? Ist es vielleicht so, dass je komplexer eine Lebensform ist, desto mehr sie zu lernen hat, sich in ihrer Gesellschaft und vielleicht auch in der Welt zu bewegen? Das bringt mich zu einer ganz anderen Überlegung:

Weshalb brauchen wir überhaupt ein Konzept der Selbstfindung und Selbsterkenntnis? Vielleicht liegt das darin begründet, dass wir ohne ein stabiles und voll ausgebildetes Nervensystem zur Welt kommen und einige Zeit sozusagen ein Teil des mütterlichen Nervensystems sind.

Daher nehmen wir als kleine Kinder die Empfindungen der Mutter und später des Vaters wie eigene auf – was nicht selten zu negativen Spiralen führt, die sich immer enger schrauben und in höchstem Maß anstrengend und unbefriedigenden sein können.

Wesentlich ist, dass wir auf diese Weise die innere Welt der Eltern zu unserer eigenen machen, ganz ohne deren Zutun. Das hat zwei Aspekte, nämlich dass 1) ich selbst 2) die Empfindungen meiner Eltern übernommen habe.

Um dieser Situation wieder zu entkommen, gibt es zwei Wege: Der eine ist zu ergründen, wie die Eltern wohl gedacht haben, um es anders machen zu können, oder aber einen idealen Weg des eigenen Verhaltens zu finden – und zu gehen. Was die Bereitschaft voraussetzt erst einmal zu akzeptieren, dass man wie die eigenen Eltern denkt und empfindet.

Als Student war ich stolz darauf, nicht wie meine Eltern zu sein (die 68er Jahre winken fröhlich), nur merkte ich dummerweise nicht, dass ich wie sie zwar nicht war, aber wie sie dachte. Offensichtlich spürte ich diesen Widerspruch, sonst hätte ich mich nicht so vehement gegen alle Konventionen gewehrt, jedenfalls so lange, bis meine Tochter auf die Welt kam.

Die Verantwortung ließ mich wieder funktionieren, jedoch nicht so, wie es wahrscheinlich richtig gewesen wäre, sondern so, wie meine Eltern gedacht hätten. Später suchte ich dann unfreiwillig auszubrechen – ich ging pleite. Da war er wieder, der Widerstand gegen die Konventionen.

Jedoch ist es Eines, darum zu wissen und herauszubekommen, wo die Kröte sitzt. Der andere Weg ist, wie schon gesagt, einen idealen Weg zu finden und zu gehen. Also ich bin definitiv für die zweite Variante. Geht man einen idealen Weg, merkt man schnell, wo die Kröte sitzt. Die Frage ist nur, was man als idealen Weg ansieht.

Für mich setzt sich dieser Weg aus zwei Faktoren zusammen. Das eine ist Ch’an, dessen Prinzip darin besteht zu untersuchen, was ist, das andere ist die Quantenmechanik, die den Erkenntnissen des Ch’an sehr nahe kommt und vor allem unbestechlich und sehr pragmatisch ist und basiert nicht auf irgendwelchen Gedanken oder Annahmen, sondern auf Versuchen. Ich sollte nur aufpassen, dass ich richtig interpretiere, doch das liegt schließlich an mir selbst, ob ich auf dem Boden der Tatsachen bleibe.