Selbstvertrauen

Wem vertraue ich, wenn ich mir vertraue? Unter Selbstvertrauen versteht man üblicherweise das Vertrauen in die eigene Kompetenz. Doch wenn ich davon ausgehe, dass es ein „Ich“ überhaupt nicht gibt? Sigmund Freuds Idee war ja, die versprengten Ich-Anteile wieder miteinander zu integrieren.

Jiddu Krishnamurti hingegen sieht die Lösung für unsere gedanklichen Schwierigkeiten gerade im Auflösen der Vorstellung eines „Ich“. Wer hat nun recht? Das Dumme ist nur, dass egal, was man glaubt, es ist genau so – aber nur für einen selbst. Also beantwortet das nicht die Frage, was denn jetzt stimmig ist. Ganz offensichtlich muss das jeder für sich selbst herausfinden. Und die Gedanken kluger Leute sind ja auch keine Garantie dafür, dass sie richtig liegen. Wie sagt doch Herrmann Hesse ganz richtig?

Die Lehre Jesu und die Lehre Lao-tses, die Lehre der Veden und die Lehre Goethes ist in dem, worin sie das ewig Menschliche trifft, dieselbe. Es gibt nur eine Lehre. Es gibt nur eine Religion. Es gibt nur ein Glück. Tausend Formen, tausend Verkünder, aber nur einen Ruf, nur eine Stimme. Die Stimme Gottes kommt nicht vom Sinai und nicht aus der Bibel, das Wesen der Liebe, der Schönheit, der Heiligkeit liegt nicht im Christentum, nicht in der Antike, nicht bei Goethe, nicht bei Tolstoi — es liegt in dir, in dir und in mir, in jedem von uns. Dies ist die alte, einzig ewig gültige Wahrheit. Es ist die Lehre vom Himmelreich, welches wir ‘inwendig in uns tragen’.“

Im Außen finden wir es nicht sagt er, nur im eigenen Denken. Keine Autorität, die es uns abnimmt. Nur wie finden wir dorthin? Hesse sagt es, indirekt, denn alle Religionen „treffen“ sich in „ihrer“ Mystik und Metaphysik. Doch es ist eines, das als klugen Spruch an die Wand zu hängen, etwas anderes ist es, das wirklich zu leben. Wie man dem Buch „Kollision mit der Unendlichkeit“ von Suzanne Segal entnehmen kann, ist das offensichtlich nicht so einfach. Aber kommt es darauf, wenn es offensichtlich die Lösung ist?

Wenn es also genau umgekehrt ist, als man üblicherweise meint, dann ist es wohl einfach. Geht es nicht darum, seine herumschwirrenden Ich-Anteile zu integrieren, sondern das Entgegengesetze zu tun, also das Ich als Illusion zu erkennen, dann stehe ich vor einer Wand, so lange, wie ich das nicht sehe.

Was, wenn es mit Selbstvertrauen genauso ist? Dass es Selbstvertrauen als etwas Erreichbares überhaupt nicht gibt, ich nur meine Selbstzweifel sein lassen muss? Wenn das so ist, dann renne ich so lange einer Illusion hinterher, solange ich nach Selbstvertrauen suche satt meine Selbstzweifel erkennen würde. Denn die habe ich ja ganz offensichtlich, wenn ich auf der Suche nach Selbstvertrauen bin. Eines darf ich sicher nicht tun, und das ist Selbstzweifel zu ignorieren. Dazu passt dieser Gedanke von Olin Miller sehr, sehr gut:

Wenn Du willst, dass Dir eine leichte Aufgabe richtig schwer erscheint, schieb sie einfach auf.“ Habe ich jahrelang trainiert. Zeit, es endlich zu lassen. Jedenfalls war es ein perfektes Mittel, mir selbst Knüppel zwischen die Beine zu werfen.