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Selbstverständnis

Weshalb ich bin, wie ich bin. Oder weshalb ich so oft nicht bin, wie ich gerne wäre. Eine Geschichte in zwei Akten, aber mit Prolog und Epilog.

Prolog: Wie ich zu sein suche

In Bezug auf mein Leben möchte ich Komponist und nicht nur Musiker sein. Ich höre mir zwar mit großer Begeisterung und Genuss Bach oder auch die Doors an, in meinem Leben aber möchte ich ganz klar mein eigener Komponist sein.

Auch wenn ich toll musizieren könnte, würde ich mein eigenes Ding machen wollen und nicht immer nur das wiederholen, was mir andere vorgeben. Ich will ganz klar kreativ sein. Also muss ich die Prinzipien des Lebens kennen, so wie ein Komponist die Prinzipien der Töne kennen muss und ich muss mich dann noch für eine Stilrichtung entscheiden.

Bach, Mozart oder Vivaldi stehen jeder für eine ganz spezifische musikalische Haltung; im normalen Leben nennt man das innere Haltung oder auch Ethik. Das legt fest, wie ein Komponist sich anhören wird. Egal, was er komponiert, es (er) hat immer eine bestimmte Gestalt. So wie auch ich immer der Selbe bin, egal was ich tue.

Man kann dies auch bei ganz banalen Dingen sehen, etwa bei der Gestaltung einer Website. In einem Stylesheet wird die ‚Haltung‘ einer Website festgelegt, aber nicht, was da drinstehen wird. So wie Bach immer seinen Musikstil hatte. Oder ich meine Ethik habe. Klar festgelegt, aber nicht definiert.

Nur wie bekomme ich das hin?

Eigentlich ganz einfach. Kostet jedoch manchmal Überwindung. Ich muss nämlich nur (?) mein ‚Ich’ ablegen, also die Selbstbezogenheit, und mich ethisch korrekt anziehen. Aber nicht so, wie andere es mir sagen, sondern wie ich es selbst für mich definiert habe.

Als ich heute früh aufgewacht bin, war ich im geistigen ‚Normalzustand‘, Default Mode Network (DMN) genannt. Zwar wach, aber nicht festgelegt. Ich musste also wirklich wach werden, wach, achtsam und konzentriert, also nicht weiter in dem Ruhezustand meines Gehirns bleiben; ein Zustand, der auch möglich ist, wenn ich etwas tue.

Also habe ich mir schnell meine ethischen Kleider angezogen, damit das, was ich denke und daraufhin tun werde, kein Kauderwelsch wird. Ich darf ja nie vergessen, dass jedes Tun zwingend mit Denken anfängt.

Damit war ich zwar in meiner Haltung festgelegt, aber keineswegs auf ein spezifisches Tun. So verstehe ich Meditation, besser als ‚meditative Haltung‘ bezeichnet. Das Problem vieler Menschen ist, dass sie auch im Wachzustand und selbst, wenn sie etwas tun, nicht wirklich bei der Sache sind, sondern in dem DMN-Modus sind.

Konzentration alleine macht den Unterschied zwischen DMN-Modus und meditativer Haltung also nicht aus. Ich kann ganz konzentriert etwas tun und doch gedanklich ganz wo anders sein. Werbung funktioniert so, denn sie sucht spezifische Gefühle zu aktivieren. Dem kann ich nur durch ernsthafte Achtsamkeit entkommen. Und Ethik.

Weshalb es so ist

Interessanterweise lässt sich das recht gut quantenphysikalisch beschreiben und vielleicht auch ein Stück weit erklären. Quanten sind, anders als ich, immer in einem hoch aufmerksamen, also sehr energetischen Zustand, jedoch nur, wenn sie gerade nichts zu tun haben. Den DMN-Modus kennen sie nicht. Fragen Sie mich aber bitte nicht, warum das so ist.

Dass sie also in einem ‚aufgeladenen‘ Zustand sind, bedeutet jetzt nicht, dass sie auch etwas tun würden. Sie haben einen absolut geordneten Zustand, gerade weil sie auf nichts festgelegt sind. In dem Moment aber, in dem jemand (also ich) etwas von ihnen will, wird die Ordnung aufgehoben und die Entropie erhöht sich.

Was nicht so einfach zu verstehen ist, denn für mein bisheriges Empfinden war gerade dann Ordnung gegeben, wenn sie sich strukturierten, ich also etwas ganz Konkretes tat. Wenn man etwa nach dem Ort oder der Geschwindigkeit fragt, legen Quanten sich fest – und verlassen ihren Wahrscheinlichkeitsraum.

Quanten sind dann in ihrem energetisch geordnetsten Zustand, sozusagen für alles bereit, wenn sie scheinbar nicht geordnet sind, also gerade keine Struktur aufweisen. Mit meinem Bücherregal ist es genau andersherum. Wenn es ordentlich aufgeräumt ist, tue ich als sein Nutzer nichts! Das mache ich erst, wenn ich die Ordnung störe, ein Buch herausnehme und etwas lese.

Die Ordnung der Quanten besteht gerade darin, dass sie nicht auf etwas festgelegt sind, sondern in alle Richtungen offen. Die Ch’an-Menschen sagen Leere dazu. Die Leere ist randvoll, denn darin ist alles möglich, nichts ist festgelegt.

So ist es auch bei den Quanten. Wenn, etwa bei dem berühmt-berüchtigten Doppelspaltversuch, niemand etwas von ihnen wissen will, sind sie absolut ungeordnet und zeigen sich als Welle. Erst in dem Augenblick, in dem jemand etwas von ihnen wissen will, haben sie – schwups – eine Struktur, geben ihre Wellenfunktion des Möglichen auf und zeigen sich nur noch als Teilchen – und damit messbar.

Auf mich übertragen bedeutet das, dass ich in einem meditativen Zustand zwar keine Struktur, aber ein hohes Potential habe. Und kann ich diesen Zustand halten, dann tue ich zwar etwas, kehre aber im selben Augenblick wieder in diesen Wahrscheinlichkeitszustand zurück und gestalte die nächste wieder aus der Leere heraus – statt irgendwelchen vorgegebenen, ‚geordneten‘ (!!) Bahnen zu folgen.

Epilog: Die Quintessenz des Ganzen

Das heißt, dass ich erst einmal meine gedanklichen Definitionen und damit meine tradierten Vorstellungen von Wahrscheinlichkeit(en), Ordnung, Struktur, Potential, Aufmerksamkeit und Konzentration neu definieren muss. Dann sieht es nämlich mit einem Mal ganz anders aus. Interessanterweise wie es wirklich ist. Ich finde das total spannend. Das Schöne dabei ist, ich muss nichts tun, nur anders denken.

‚Wahrscheinlichkeit‘ oder ‚Möglichkeit’ bedeutet also nicht, dass ich eine Wahl hätte, sondern, dass ich tatsächlich vollkommen frei bin zu tun und zu lassen, was für mich richtig ist, was also meiner Ethik entspricht. Wenn etwas ‚geordnet‘ abläuft, also klar strukturiert, ist das genau das Gegenteil von dem, was ich will, denn das bedeutet, es ist festgelegt, komme was da wolle. Das Gegenstück von ‚Struktur’ ist eben nicht Beliebigkeit, sondern Offenheit. Es geht nicht um eine Struktur im Tun, auch nicht im Denken, sondern um Prinzipen! Keine Festlegung!

Und damit die Offenheit gar nicht erst aus dem Ruder laufen kann, dafür habe ich meine Ethik. Das ist meine Sicherungsleine, die mir aber als andere Sicherungen, kein Korsett und keinen bestimmten Weg aufzwingt, sondern mir volle Bewegungsfreiheit lässt. Es ist schon paradox: Je eindeutiger meine Ethik ist, desto freier bin ich. Genauso hat es eine Weile gebraucht, bis ich begriffen hatte, dass einer Struktur zu folgen etwas ganz anderes ist als einem Prinzip zu folgen.