Selbstverständnis

Ein schwieriges Thema. Ich kann immer nur verstehen, was ich erkannt habe, was leider nicht bedeutet, dass ich es damit auch schon erfahren hätte.

Ich lese gerade den Text von Erwin Schrödinger über Geist und Materie. Seine Gedankengänge kann ich nachvollziehen. Doch um zu wissen, ob sie stimmen können, muss ich sie selbst erfahren. Was noch lange nicht bedeutet, dass es auch wirklich so ist.

Ich war ein Experte darin, mir ein X für ein U vorzumachen. Und was ich einmal gelernt habe, verlerne ich so schnell nicht wieder. Da brauche ich schon eine Menge Selbstdisziplin und etwas, worauf ich mich verlassen kann – den aktuellen Stand der Wissenschaft.

Es ist schon faszinierend – oder beschämend – dass wir Naturvölker als ‚primitiv‘ bezeichnen, die ein wesentlich besseres Verständnis von und einen entsprechenden Umgang mit der Natur haben als vielfach der zivilisierte (!!) Mensch, ganz einfach, weil sie sich selbst als ein Teil davon verstehen.

Es ist wirklich paradox. Der Preis für die enormen wissenschaftlichen Erkenntnisse und faszinierenden Möglichkeiten, die sich uns dadurch geboten haben, ist die Entfremdung von uns selbst.

Doch Mystizismus hilft uns nicht zurück, sondern allein die Mystik. Mystik wie auch Ch’an haben mich schon immer fasziniert, doch erst die Beschäftigung mit der Quantenmechanik hat mir den Zugang dazu eröffnet.

Warum das so ist? Mir fällt dazu sofort die Geschichte von Hui Neng und dem berühmten Gata ein, das ihm den Weg zum sechsten Patriarchen des Ch’an / Zen eröffnete. Hui Neng war im Gegensatz zu den anderen Mönchen, die auch gerne zum Patriarchen befördert werden wollten, vollkommen ungebildet.

Und deswegen begriff er die Worte der Patriarchen des Ch’an intuitiv. Er hatte die sonst so gut ausgebildete Sperre namens ‚Ich-weiß,-was-was-ist’ nicht aktiviert.

Mit der Quantenmechanik hat sich jedoch ein Paradigmenwechsel im Denken ereignet. Es ist eine ganz andere Herangehensweise an die Untersuchung der Welt und in der Folge ein anderes Denken. Es geht dabei nicht etwa um den Verstand, auf den zu verzichten manche als die ultimative Lösung ansehen, sondern darum zu glauben, man könne die Welt definieren.

Hans-Peter Dürr hat dies mit einfachen Worten auf den Punkt gebracht: „Materie ist im Grunde nicht Materie. Deshalb habe ich eingangs erwähnt: Ich habe fünfzig Jahre über Materie gearbeitet, die es gar nicht gibt. Wir können uns das nicht vorstellen…. Es gibt nur Beziehungsstrukturen, es gibt keine Objekte. Die Frage, was ist und was existiert, kann so nicht mehr gestellt werden.“

Nicht einfach zu verstehen. Also meine Frau und mich gibt es nicht, nur unsere Beziehung. Wenn ich jedoch die Gedanken von Erwin Schrödinger dazu nehme, dass nämlich Subjekt und Objekt Eines sind und sowohl Subjekt wie Objekt eine Illusion sind, dann komme ich weiter, was jedoch nicht zu der Annahme führen darf, dass da nichts wäre. Da ist sehr wohl etwas, nämlich die Beziehung, die alles ausmacht, was ich wahrnehme und vor allem, was ich bin.

Wenn wir entdecken, dass die Wahrheit bereits in uns ist,

sind wir auf einmal unser ursprüngliches Selbst.

Dogen