Selbstreflexion

Sinnvoll oder eher hinderlich? Kürzlich wurde mir in einem Blogger-Dialog diese Frage gestellt:

Warum geht er (also ich) davon aus, Selbstreflexion im Sinne von „nachdenken“ sei die absolut nicht zielführende Frage nach dem „Warum“? Ist eine Antwort darauf nicht manchmal sogar hilfreich, z. B. um sich eigene Reaktionen oder dysfunktionale Verhaltensmuster erklären (und sie ggf. verändern) zu können? Und gibt es nicht auch viele andere Fragen, die Menschen sich stellen (können), wenn sie über sich selbst nachdenken?‘

Damit stellst Du die spannende Frage, was ich bin. 😎 Mich gibt es tatsächlich so wenig wie einen Regenbogen. Oder einen Strand. Oder das Universum. Dass es keinen Regenbogen gibt ist leicht zu verstehen, denn er ist ein Phänomen, das das ‚Zusammenspiel‘ von (vereinfacht ausgedrückt) Wasser in der Luft, Sonnenlicht und Beobachter möglich machen. Ist kein Beobachter da, kann die Sonne sich abmühen, wie sie will, dann gibt es keinen Regenbogen.

Nicht anders ist es mit dem Strand. Den gibt es auch nicht, sondern ‚nur‘ ganz, ganz viele Sandkörner. Oder das Universum. Es ist ein Arbeitsbegriff, der etwas ins Leben ruft, was es genau genommen gar nicht gibt. Was da so alles herumfliegt steht in Beziehung zueinander, und dazu sagen wir Universum. Doch ohne in Beziehung zueinander stehende Sterne gibt es das nicht, sowenig wie den Strand, wenn keine Sandkörner da sind. Auch nur ein Phänomen.

Wenn es also das Universum oder den Strand nicht gibt, wie soll sich da das Universum oder der Strand selbst reflektieren können, wo es ihn doch nur im Auge des Betrachters als Phänomen gibt? Das Universum existiert wie der Strand offensichtlich nur dann, wenn jemand hinschaut, aber eben nur scheinbar. Was bei dem Strand leichter zu verstehen ist, denn ich kann ihn vom Wasser aus betrachten. Bei dem Universum ist das verdammt schwierig.

Strand und Universum ‚existieren‘ nur, wenn ich glaube, dass das, was ich wahrnehme, auch existiert. Wie bei dem Regenbogen. Die meisten Menschen denken also, dass es Strand oder Universum gibt, doch dazu bedienen sie sich eines gedanklichen Tricks. Sie nehmen sich aus dem Ganzen heraus, sie tun so, als wären sie nicht ein unverzichtbarer Aspekt des Ganzen. Übrigens wird hier erkennbar, dass Sprache genau davon ausgeht, dass es das, was ich mit einem Begriff beschreibe, auch tatsächlich gibt, was aber nicht der Fall ist. Die Welt ist einfach nicht determiniert.

Und nicht anders ist es bei mir. ‚Mich‘ als aus sich selbst heraus existierendes ‚Ich‘ gibt es nicht. Daher gehe ich auch zu einem TCM Arzt, wenn ich nicht in Harmonie mit mir selbst bin. Diesen Satz versteht man jedoch nur, wenn man sich darüber im Klaren ist, dass es ‚mich‘ nur sprachlich, nicht aber in der Realität gibt. Was will ich also reflektieren? Dazu müsste ich mich erst einmal gedanklich konstruieren. Wer sollte da auch über wen reflektieren?

Das drückte Erwin Schrödinger, seines Zeichens Physiker, so aus: „Der Grund dafür, daß unser fühlendes wahrnehmendes und denkendes Ich in unserem naturwissenschaftlichen Weltbild nirgends auftritt, kann leicht in fünf Worten ausgedrückt werden: Es ist selbst dieses Weltbild. Es ist mit dem Ganzen identisch und kann deshalb nicht als ein Teil darin enthalten sein.“

Und genau deswegen gehe ich auch davon aus, dass ich mich nicht selbst reflektieren kann, weil es ‚mich‘ ganz einfach nicht als Teil gibt, das ich beobachten könnte. Es gibt dazu ein interessantes Beispiel: Weshalb sind Motorradfahrer so fasziniert vom Motorradfahren? Ganz einfach, weil man auf dem Motorrad aufhört zu existieren.

Das Motorrad, an dem man arbeitet, ist man selbst. Die Maschine, die scheinbar ‚da draußen‘ ist, und die Person, die scheinbar ‚da drinnen‘ ist, sondern in Wirklichkeit nicht zwei getrennte Dinge. Miteinander wachsen sie in die Qualität hinein oder entfernen sich von ihr.“ Das sagt Robert M. Pirsig, der das berühmte Buch ‚Zen und die Kunst ein Motorrad zu warten’ geschrieben hat.

Verstehen werden das vielleicht nur Motorradfahrer, Musiker, Künstler, Freeclimber, also Menschen, die sich im Flow bewegen können. Und Chán-Menschen, die auch. Nicht zu vergessen, die Quantenphysiker, jedoch nur, wenn sie nicht zu denen gehören, die sich sagen ‚halt die Klappe und rechne!‘, also die, die sich nicht den fundamentalen Fragen stellen, die die Quantenphysik aufwirft.

Dazu ein Gedanke aus einer ganz anderen Richtung, von Bert Hellinger in „Finden, was wirkt“ „Zur Erfahrung können nur Vorgänge werden. Auch eine mitgeteilte Erfahrung, wenn sie erfahrungsgemäß mitgeteilt wird, führt zur Erfahrung. Deswegen erübrigt es sich auch, Erfahrun­gen zu beweisen, denn sie beweisen sich durch den Vorgang, der zur Erfahrung wird.

Gedanken kann ich nachvollziehen, ohne dass ih­nen eine erfahrbare Wirklichkeit entsprechen muss. Sie können schön und stimmig und interes­sant sein, ohne dass sie wahr zu sein brauchen. Die Gefahr ist, dass ich meine Erfahrung an meinen Gedanken messe und sie mit ihnen vergleiche. Dann glaube ich meinen Gedanken, statt meiner Erfahrung zu trauen. 

Dieser Vorgang birgt in sich die Gefahr der Entfremdung. Wenn man daher solche Gedanken zugunsten einer Erfahrung lässt, führt dies zur Sammlung, und obwohl man etwas lässt, führt dies zur Erfahrung von Fülle und von Gewinn. Wenn ich dagegen eine Erfahrung lasse, die sich aus einem erlebten Vorgang und aus Einsicht ergibt, nur weil ich mir anderes denke, erlebe ich dies wie Mittenflucht und Verlust.

Die Einsicht ist der geistige Teil der Erfahrung, und sie führt immer zur Sammlung, und wenn sie mitgeteilt wird, führt sie zu sammelndem Vollzug. Der Gedanke, selbst wenn er Gedanke über Erfahrung ist, hat im Vergleich zur Einsicht eine mindernde Wirkung. Im Vergleich zur Einsicht, die voll und einfach ist, wirkt er blass und kompliziert.“

Kürzlich hatte ich ein Gespräch mit meiner Tochter. Im Sprechen wurde mir auf einmal bewusst, auf welcher Dynamik meine Ansichten beruhten. Es war  ganz einfach Achtsamkeit und Offenheit dem gegenüber, was ist, die mir schlagartig bewusst werden ließ, was ich da tat. Nur ich dachte nicht darüber nach, ich reflektierte es nicht. Achtsamkeit, Offenheit und Bewusstsein wirkten ganz klar reflexiv, doch es war keine (Selbst-) Reflexion.