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Selbsterkenntnis

Sich selbst zu erkennen bedeutet in letzter Konsequenz, sich selbst zu vergessen. Nur warum ist das so?

Solange ich mich zu verstehen suche, muss ein ‚Ich’ existieren und für mich erkennbar sein. Was nicht da ist, kann ich weder betrachten noch identifizieren. Jedoch kann ich seine Auswirkungen wahrnehmen und beschreiben, wie es sich zeigt. Mehr aber auch nicht. Doch dafür darf ich nicht das ‚Ich‘ betrachten, sondern den Prozess. Also gibt es dann kein ‚Ich‘.

Ich bin, wie jedes andere Wesen auch, komplex. Das bedeutet, dass ich nicht auf eine spezifische Art zu Sein festgelegt bin, sondern aus dem sich in der Situation ergebenden Möglichen etwas realisiere. Diese „Wahl“ treffe ich nicht bewusst, sondern sie ergibt sich aus meinen Überzeugungen, auch über mich selbst, als eine Folge von Selbstorganisation, vollkommen nichtbewusst.

Es ist kein Feld der Möglichkeiten, aus dem ich wählen könnte, sondern einfach das Feld des Möglichen, auf das ich durch Selbstorganisation zugreife. Doch diese Wahl ist keine bewusste Wahl, sondern eine Folge meiner Haltung, meiner Einstellungen, meines Wissens wie meiner Interessen und Absichten sowie dem Impuls, ‚etwas‘ zu tun.

Habe ich eine spezifische Überzeugung über mich selbst, gestaltet das den Raum des Möglichen, letztlich definiert es ihn maßgeblich, was jedoch nicht bedeutet, dass ich wissen könnte, was ich in einer bestimmten Situation tun werde.

Doch weshalb muss ich mich dann vergessen? Sobald ich über mich nachdenke, blockiere ich die Selbstorganisation und lege mich auf das fest, worüber ich nachdenke. Denke ich über die Lösung für ein Problem nach, lege ich mich auf das Problem fest, statt mich zu fragen, was ich nicht sehe.

Ein ‚Problem‘ zu haben bedeutet, folge ich der Wortbedeutung (πρόβλημα próblema, ‚das Vorgeworfene, das Vorgelegte‘), dass es zwar eine Lösung gibt, ich diese aber (noch) nicht sehe. Ein ‚Problem‘ ist wie ein Regenbogen nur die Beschreibung eines Phänomens, es selbst aber existiert nicht.

Vor allem braucht es einen Beobachter, der aber nicht das Problem beobachtet, sondern das Phänomen an sich. Ein Regenbogen existiert in dem Moment nicht mehr, in dem ich nicht mehr hinschaue. Nur eine ‚Erscheinung‘, aber nicht wirklich. Und exakt so ist es auch bei einem Problem. Analysiere ich den zugrunde liegenden Prozess, existiert im selben Augenblick das Problem nicht mehr, nur noch der Prozess, den ich für mich als ‚Problem‘ zusammengefasst hatte. Doch dadurch habe ich gedanklich etwas erschaffen, das es tatsächlich nicht gibt.

Auch ich selbst existiere nicht mehr als ‚Ich‘, wenn ich den Prozess betrachte, für den dieses ‚Ich’ scheinbar ursächlich ist. Das ’Ich‘ existiert tatsächlich nie, nur in meiner gedanklichen Annahme. Gehe ich jedoch von einem ‚Ich‘ aus, kann ich den Prozess, um den es eigentlich geht, überhaupt nicht mehr wahrnehmen.

Und genau deswegen muss ich mich vergessen können. Dann betrachte ich nicht mehr ‚mich‘, sondern den Prozess, der mich sein lässt, wie ich bin.

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