Selbstbeobachtung

Will ich wissen, wie ich bin, muss ich wissen, wie ich denke. Sozusagen mein Werkzeugkasten. Einen Werkzeugkasten lernt man nicht kennen, indem man ihn sich anschaut, sondern indem man etwas mit ihm tut; etwas zunehmend Anspruchsvolleres. So lernt man auch sich selbst kennen. Wenn ich also weiß, welche (gedanklichen) Inhalte ich generiere, dann weiß ich auch, welche Werkzeuge ich benutzt habe.

Mit einer Feile kann ich nun mal einen Nagel schlecht einschlagen, also nehme ich einen Hammer und mit einem Schraubenzieher bekomme ich Holz nur sehr mühsam gespalten, also benutze ich ein Beil.

Das bedeutet, dass ich also nur die Inhalte meines Denkens genau zu betrachten brauche und ich sehe, welche Werkzeuge ich wahrscheinlich benutzt habe. Habe ich einen Nagel eingeschlagen, dann habe ich wahrscheinlich einen Hammer benutzt; habe ich Holz klein gemacht, dann liegt die Vermutung nahe, dass ich ein Beil benutzt habe.

Habe ich anspruchsvoll, also intellektuell redlich wie streng logisch gedacht, dann werde ich den gedanklichen Nagel kaum mit einem gedanklichen Beil eingeschlagen haben. Ich brauche also einen gewissen Anspruch im Denken, um das benutzte Werkzeug treffend identifizieren zu können, also vor allem einen saubere Logik.

Eine korrekte Logik bringt mich nämlich unweigerlich zu dem jeweiligen Ausgangspunkt meiner Argumentation – dem Werkzeug, das ich ja suche. Mache ich beispielsweise einen anderen für meine Stimmung verantwortlich und baue das sauber entlang der Linie meiner Logik auf, dann komme ich unweigerlich zu dem Schluss, dass da was nicht stimmen kann.

Dass ein anderer für meine Stimmung zuständig sein soll setzt eine spezifische Argumentationskette voraus, die einer korrekten Prüfung nicht standhält. Zu offensichtlich sind die Fehlschüsse, zu schnell sichtbar. Natürlich nur dann, wenn man sich des aktuellen verfügbaren Wissens bedient.

Man muss die Regeln des „Schauens“ kennen, will man nicht in die berühmte Röhre schauen. So muss ich zum Beispiel wissen, dass man üblicherweise alles, was absolut berechenbar ist, zu den nicht komplexen Systemen zählt.

Alles was ein oder mehrere spezialisierte Experten lösen können, ist kompliziert. Und alles was nicht einmal Top-Experten garantieren oder vorhersagen können, ist komplex.

Interessiere ich mich also nicht für Maschinen, sondern für Menschen, also komplexe Wesen, muss ich wissen, was die auszeichnet:

Nichtlinearität: Kleine Störungen des Systems oder minimale Unterschiede in den Anfangsbedingungen führen oft zu sehr unterschiedlichen Ergebnissen (Schmetterlingseffekt, Phasenübergänge). Die Wirkzusammenhänge der Systemkomponenten sind im Allgemeinen nichtlinear.

Emergenz: Im Gegensatz zu lediglich komplizierten Systemen zeigen komplexe Systeme Emergenz. Entgegen einer verbreiteten Vereinfachung bedeutet Emergenz nicht, dass die Eigenschaften der emergierenden Systemebenen von den darunter liegenden Ebenen vollständig unabhängig sind. Emergente Eigenschaften lassen sich jedoch auch nicht aus der isolierten Analyse des Verhaltens einzelner Systemkomponenten erklären und nur sehr begrenzt ableiten.

Wechselwirkung (Interaktion): Die Wechselwirkungen zwischen den Teilen des Systems sind lokal, ihre Auswirkungen in der Regel global.

Offenes System: Komplexe Systeme sind offene Systeme. Sie stehen also im Kontakt mit ihrer Umgebung und befinden sich fern vom thermodynamischen Gleichgewicht. Das bedeutet, dass sie von einem permanenten Durchfluss von Energie beziehungsweise Materie abhängen.

Selbstregulation: Dadurch können sie die Fähigkeit zur inneren Harmonisierung entwickeln. Sie sind also in der Lage, aufgrund der Informationen und derer Verarbeitung das innere Gleichgewicht und Balance zu verstärken.

Pfade: Komplexe Systeme zeigen Pfadabhängigkeit: Ihr zeitliches Verhalten ist nicht nur vom aktuellen Zustand, sondern auch von der Vorgeschichte des Systems abhängig.

Attraktoren: Die meisten komplexen Systeme weisen so genannte Attraktoren auf, das heißt, dass das System unabhängig von seinen Anfangsbedingungen bestimmte Zustände oder Zustandsabfolgen anstrebt, wobei diese Zustandsabfolgen auch chaotisch sein können; dies sind die „seltsamen Attraktoren“ der Chaosforschung.

In komplexen Systemen gibt es, anders als bei komplizierten, keine Wenn-Dann-Bedingungen sondern „nur“ Zusammenhänge und Beziehung.