Seinen Eigensinn bewahren

Das heißt nicht, eigensinnig oder stur zu sein. Vielmehr bedeutet es, nicht zu machen, nur weil es alle anderen auch tun. Wir müssen uns ernsthaft fragen, nicht ob, sondern weshalb wir als Gruppe schnell einmal auch saublöde Sachen machen – bis hin zu schlechterdings kriminellen und unmoralischen Dingen.

Es ist ja bekannt, dass eine Gruppe von an sich kompetenten Personen schlechtere oder auch realitätsferne Entscheidungen getroffen haben, auch wenn sie „eigentlich“ gewusst hätten, wie es besser gegangen wäre. Was natürlich kein Freibrief für die Gruppenmitglieder ist, die etwas „nur“ getan haben, weil die anderen es eben auch getan haben.

Für viele Menschen ist das im gesellschaftlichen Leben ganz normal. Doch ist einmal eine Grenze überschritten, kann es passieren, dass wieder eine Grenze kommt, die dann auch überschritten wird. 

Ich bin mir sehr bewusst, wie ich oft Dinge getan habe, die ich bei nüchterner Betrachtung nicht getan hätte. Nur weshalb habe ich es getan? Einfach, weil es doch alle getan haben. Das war in der Politik so, im Beruf und auch in Freundeskreisen. Aber es war natürlich nicht die Wahrheit, es war nur eine Ausrede. Es waren Egoismus und Geltungsbedürfnis, die mich blind werden ließen.

Ich habe gerade einen Satz gehört, der das perfekt umschreibt: „Sehen zu können und doch mit Blindheit geschlagen zu sein.“ Und genau das habe ich in meinem Leben gelernt, dass ich nicht aufhören darf zu sehen was ist, statt meinen Mund zu halten oder wegzuschauen. Wie hat Hannah Arendt einmal absolut treffend gesagt?

Jemand, der weiß dass er widersprechen kann,
weiß auch, dass er gewissermaßen zustimmt,
wenn er nicht widerspricht.

Das genügt, um sich den notwendigen eigenen Sinn zu bewahren, um nicht mit der Masse zu schwimmen. Denn es ist eine Illusion, dass man aus dem Zug einfach schnell noch aussteigen kann, wenn der schon längst Fahrt aufgenommen hat. Die Zeit von 1933 bis 1945 sowie die Beteiligung meiner Familie daran ist mir Lehre genug, das nie zu vergessen.

Eines ist mir klar geworden, nämlich dass es alleine meine Haltung ist, die darüber entscheidet, ob ich mich verführen lasse oder nicht. Zu glauben, ich könnte darüber „spontan“ entscheiden, ist eine Illusion; eine Einbildung, vor der ich mich hüten muss.

Die Geschichte ist voll von Berichten über Menschen, die sich verführen ließen oder die einfach die Klappe hielten, wo sie hätten aufstehen müssen, aber auch von Menschen, die das eben nicht taten, sondern bei ihrer Haltung blieben. Da steckt das eigentliche Problem drin: Warum nur verlieren Menschen ganz offensichtlich so schnell ihre Haltung?

Ganz einfach, weil sie die nicht wirklich haben. „Haltung“ gibt es wie Wissen in zwei Versionen, einmal als implizite und einmal als explizite Version. Auf die implizite Haltung wie auf das implizite Wissen kann ich aufbauen, die explizite Haltung muss ich erst noch praktizieren. Das vergessen wir leider allzu leicht beziehungsweise ignorieren den Unterschied zwischen explizit und implizit.

Es gibt viele Gründe, weshalb das so ist, doch darauf kommt es überhaupt nicht an. Entscheiden ist nur, ob wir es tun oder eben nicht. Und genau hier entscheidet sich, wohin wir tendieren, zum Richtigen oder zum Falschen.