Sehen, was wirklich ist

Wer hat die Fäden meines Lebens in der Hand? Jedenfalls nicht ich, solange ich mir meiner selbst nicht wirklich bewusst bin. Das ist etwas ganz anderes als sich sicher zu sein oder selbstbewusst aufzutreten. Bis dahin bin ich nichts anderes als ein Hampelmann der gesellschaftlichen Meinung beziehungsweise der Methoden und Konzepte, die ich für richtig halte. 

Nikolaus Gerdes hat das in „Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit und die Suche nach Sinn“ wunderbar beschrieben. Es ist eben nicht „Die Konstruktion der gesellschaftlichen Wirklichkeit’“ sondern vielmehr „Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“. In den Bildern der Welt und des eigenen Selbst sind wir alltäglicherweise so befangen, dass wir diese sozial vorfabrizierten Bilder der Wirklichkeit für die Wirklichkeit selbst halten.

Daher stütze ich meine Ansichten auf die Erkenntnisse der Wissenschaft, vor allen Dingen der modernen Naturwissenschaften. Erst die Wissenschaft, dann die Philosophie – und keinesfalls umgekehrt. Das Dumme ist nur, dass Methoden und Konzepte so ein wunderbares Gefühl von Sicherheit geben, selbst wenn sie nichts weiter als Folge einer Illusion sind.

Ich kann mich nicht einmal auf das verlassen, was ich erlebe; weiß ich doch überhaupt nicht, ob mein Erleben die Realität überhaupt wirklichkeitsgetreu abbildet. Ich erlebe zum Beispiel, dass mich die Sonne erwärmt, doch das erlebe ich so nur aufgrund einer Annahme. Nur ein Beispiel: Was bedeutet das Welle-Teilchen Phänomen, die Relativität, die Unbeständigkeit oder die Verschränkung für mein Leben.

Habe ich das hinterfragt werde ich feststellen, dass ich bisher in einer Illusion gelebt habe – mit eventuell fatalen Folgen. Daher sollte ich mir immer erst einmal die Frage stellen, wie ich auf das komme, was ich annehme. Wie gesagt, dass ich es so erlebe, sagt nur etwas über meine gedanklichen Annahmen über Zusammenhänge aus. 

Ich sollte also immer davon ausgehen, dass ich nie sicher sein kann, dass meine Annahmen zutreffend sind. Also untersuche ich, was ist und gehe nicht davon aus, dass das, was ich erlebe, die Wirklichkeit ist. Die Corona-Pandemie spaltet die Gesellschaft vielfach in Impfgegner und Impfbefürworter. Nur wer hat wirklich recht? Beurteilen, wirklich beurteilen, kann es kaum jemand.

Ich wage zu bezweifeln, dass wir in unserer Gesellschaft sonderlich gut mit differierenden Ansichten und Meinungen umgehen können. Jedoch können wir uns angewöhnen, grundsätzlich immer nur von Fakten und eben nicht von Meinungen auszugehen – statt von emotional aufgeladenen „Überzeugungen“.

Sobald wir uns in unseren Meinungen und Ansichten angegriffen fühlen, wird es meist sehr, sehr schnell persönlich, da sich viele über ihre Annahmen definieren und sich letztlich darüber identifizieren, was sie für gegeben halten. Da wird man blitzartig zum Hampelmann, wenn man nicht bereit ist, seine eigenen Annahmen zu hinterfragen beziehungsweise sie wenigstens so zu belegen, dass der andere sie verifizieren kann.

„Eigentlich“ sollten wir mittlerweile wissen, dass wir allergisch darauf reagieren, wenn unsere Grundannahmen tatsächlich oder vermeintlich angegriffen werden, denn Recht zu haben gilt allgemein als absolut notwendiger Bestandteil des Konzeptes vom Selbst.

Gehe ich von der Richtigkeit meiner Annahmen aus, dann bedeutet das ja nicht, dass ich zwingend recht habe.

Die Fäden meines Lebens habe ich definitiv selbst in der Hand. Nur was ich damit webe, das liegt an mir selbst, genauer daran, ob meine Annahmen über die Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst übereinstimmen – und zwar nicht nur, weil ich das glaube und auch nicht, weil das gesellschaftlicher Konsens ist, sondern weil es der aktuelle Stand der Wissenschaft ist – Irrtum nicht ausgeschlossen und Weiterentwicklung erwünscht!

Wer sich auf den Weg der Erkenntnis dessen macht, was wirklich ist, der sollte sich an das Balancieren gewöhnen. Da gibt es keine Autobahnen, nicht einmal Wege.