Sehen, was wirklich ist.

Wer hat die Fäden meines Lebens in der Hand? Jedenfalls nicht ich, solange ich mir meiner selbst nicht bewusst bin. Bis dahin bin ich nichts anderes als ein Hampelmann der Gesellschaft beziehungsweise der Methoden und Konzepte, die ich für richtig halte. Nur weil ich sie für richtig halte, müssen sie das ja nicht sein; vielmehr können sie mich sogar gewaltig in die Irre schicken.

Alle Konzepte und Methoden sind immer nur Annahmen über die Wirklichkeit. Also stütze ich, wie viele Menschen auch, meine Ansichten auf die Erkenntnisse der Wissenschaft, vor allen Dingen der Naturwissenschaften. Erst die Wissenschaft, dann die Philosophie – und keinesfalls umgekehrt. Keinesfalls ohne naturwissenschaftliche Grundlagen. Das geht gar nicht, jedenfalls nicht (mehr – das muss ich leider eingestehen) für mich. Das Dumme ist nur, dass einem Methoden und Konzepte so ein wunderbares Gefühl von Sicherheit geben, selbst wenn sie nichts weiter als Folge einer Illusion sind.

Ich kann mich nicht einmal auf das verlassen, was ich erlebe; ich weiß überhaupt nicht, ob mein Erleben die Realität überhaupt wirklichkeitsgetreu abbildet. Ich erlebe zum Beispiel, dass mich die Sonne erwärmt, doch das erlebe ich so nur aufgrund einer Annahme. Ich weiß in dem Moment, dass die Sonne scheint und dass mir warm ist. Den sachlichen Zusammenhang aber kann ich überhaupt nicht erleben, nur gedanklich konstruieren. Auch wenn dieses Konstrukt richtig ist, es ist und bleibt jedoch ein Konstrukt. Das darf ich nicht vergessen. Sonst passiert es leicht, dass ich mir angewöhne, Konstrukte für stimmig zu halten – mit eventuell fatalen Folgen.

Also sollte ich mir immer erst einmal die Frage stellen, wie ich auf das komme, was ich annehme. Wie gesagt, dass ich es so erlebe, sagt nur etwas über meine gedanklichen Annahmen über Zusammenhänge aus. Kürzlich habe ich einen interessanten Artikel über die Interpretation des Marshmallow-Effekts gelesen. Mittlerweile ist geht man nämlich davon aus, dass die Interpretation der Testergebnisse auf einer stark reduzierten Annahme beruhte, andere Interpretationsmöglichkeiten nicht gesehen wurden und damit schlicht und einfach falsch ist.

Wir sollten also immer davon ausgehen, dass wir nie sicher sein können, dass unsere Annahmen zutreffend sind. Andererseits können wir uns bewusst machen und noch besser, bewusst sein, dass wir uns immer nur dessen bewusst sind, was wir denken, dass es so wäre. Gerade ist eine wunderbare Gelegenheit, das wieder einmal festzustellen. Die Corona-Pandemie spaltet die Gesellschaft vielfach in Impfgegner und Impfbefürworter. Nur wer hat wirklich recht? Früher hatten sich die Wissenschaftler wenigstens hinter verschlossenen Türen gestritten und die Menschen nicht noch mehr verunsichert. Beurteilen, wirklich beurteilen, kann es kaum jemand. Und ich wage zu bezweifeln, dass wir in unserer Gesellschaft sonderlich gut mit differierenden Ansichten und Meinungen umgehen können. Jedoch können wir uns angewöhnen von Fakten und eben nicht von Meinungen auszugehen.

Sobald wir uns in unseren Meinungen und Ansichten angegriffen fühlen, wird es meist sehr, sehr schnell persönlich. Viele fühlen sich dann angegriffen, da sie sich über ihre Annahmen definieren und damit identifizieren, was sie für gegeben halten. Da wird man blitzartig zum Hampelmann, wenn man nicht bereit ist, seine eigenen Annahmen zu hinterfragen beziehungsweise sie wenigstens so zu belegen, dass der andere sie verifizieren kann. „Eigentlich“ sollten wir mittlerweile wissen, dass wir allergisch darauf reagieren, wenn unsere Grundannahmen tatsächlich oder vermeintlich angegriffen werden, denn recht zu haben gilt allgemein als absolut notwendiger Bestandteil des Konzeptes vom Selbst.

Gehe ich von der Richtigkeit meiner Annahmen aus, dann bedeutet das ja nicht, dass ich zwingend recht habe. Ich jedenfalls gehe solange davon aus, dass ich mit meinen Annahmen richtig liege, solange man mich nicht vom Gegenteil überzeugt – was natürlich verlangt, dass man miteinander redet. Das ist etwas ganz anderes als gedankliche Starrheit. Nur werde ich unruhig, wenn jemand über seine Ansichten nicht reden möchte. Wird so jemandem ein grundlegender Irrtum aufgezeigt, so kann das letztlich eine ernsthafte neurophysiologische und neurochemische Störung des ganzen Systems bewirken.

Als Berater habe ich immer wieder erlebt, dass der blosse Gedanke an eine Veränderung der eigenen Ansichten als so unerträglich erscheint, dass er gar nicht ernstlich in Betracht gezogen werden kann. Leider habe ich noch immer nicht gelernt, mich dann rechtzeitig zurückzuziehen und still zu sein. Nur wenn mich jemand von seiner – meines Erachtens nach unzutreffenden – Ansicht mit Vehemenz überzeugen möchte, dann fällt es mir schwer, still zu sein. Aber ich versuche es zu lernen.

Die Fäden meines Lebens habe ich definitiv selbst in der Hand. Nur was ich damit webe, das liegt an mir selbst, genauer daran, ob meine Annahmen über die Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst übereinstimmen – und zwar nicht nur, weil ich das glaube und auch nicht, weil das gesellschaftlicher Konsens ist, sondern weil es der aktuelle Stand der Wissenschaft ist – Irrtum nicht ausgeschlossen und Weiterentwicklung erwünscht! Wenn ich mich auf dieses gedanklich Ebene begebe, dann kann ich mich dranmachen zu sehen, was wirklich ist – ansonsten nicht. Es wirkt manchmal wie der Tanz auf einem Seil. Fällt man aber doch mal runter – dann zügig wieder rauf auf das Seil und weiter balancieren!

Wer sich auf den Weg der Erkenntnis dessen macht, was wirklich ist, der sollte sich an das Balancieren gewöhnen. Da gibt es keine Autobahnen, nicht einmal Wege.