Sehen, was ist

Es gibt Menschen, die die Welt ganz anders denken als andere. Das fängt damit an, dass man erst einmal erkennt, dass es „die Welt da draußen“ tatsächlich nicht so gibt, wie ich sie wahrnehme. Ich sage immer, da ist nichts als Quantenpampe. In meinem Kopf aber bilde ich die Modelle und Konzepte, die mich „etwas“ erkennen lassen. Also denke ich letztlich die Welt, die ich wahrnehme.

Das zu erkennen ist der erste Schritt. Der nächste Schritt ist zu sehen, dass nichts voneinander getrennt ist, sondern alles miteinander verwoben ist. In der traditionellen chinesischen Medizin kennt man keinen Unterschied zwischen Körper und Psyche, sondern geht von einem einheitlichen System aus. Ch’an hat ganz andere Vorstellungen von Willen und Kontrolle als viele Menschen im Westen. Sie sagen, wir denken durch NichtDenken, wir handeln durch NichtHandeln und so weiter und so fort.

Doch wenn ich nicht „bewusst“ handeln kann, was lässt mich dann handeln? Marshall McLuhan sagt, dass die Form den Inhalt definiert. Was letztlich auch bedeutet, dass ich über eine bewusst gewählte Form den Inhalt definiere, ich andererseits über eine konkrete Inhaltspraxis wohl auch die Form verändere. Man darf Form und Inhalt nur nicht als getrennt von einander ansehen. Entscheidend ist, worum es mir geht: Form oder Inhalt?

Für die einen ist die Form wichtig, für die anderen der Inhalt. Dabei kann die Form ohne Inhalt sein, der Inhalt allerdings nie ohne Form. Der Wein, den ich gestern getrunken habe, hat ständig seine Form geändert, daher war es nur scheinbar immer der selbe Wein. Und es wäre auch geschmacklich ein ganz anderer Wein gewesen, hätte ich ihn nicht aus einem Weinglas, sondern mit einem Teelöffel zu mir genommen. Den Wein gab es also nie, sondern nur den Wein in der jeweiligen Form.

Wenn ich gerne abends einen Wein trinken möchte, dann versteht mich jeder, wenn ich sage, dass ich einen Wein trinke, doch das ist nur dann der Fall, wenn alle wissen, was gemeint ist. Doch sehr oft wissen wir eben nicht alle, was gemeint ist. Da muss man sich dann wohl mit der Form beschäftigen. Zum Beispiel bei der Sprache.

Ich habe gerade eine sehr interessante Erfahrung bei einer Reklamation gemacht. Bei der ersten Gesprächspartnerin habe ich nach kurzer Zeit aufgelegt, weil sie mich einfach nicht verstanden hat. Eine Ausländerin, woher sie kam, weiß ich nicht. Der zweite Anruf hat mich dann weitergebracht. Wieder keine Deutsche, aber eine Türkin, der absolut sauberes Deutsch sprach. Mit der Sprache beherrschte sie nicht nur die sprachlichen Regeln, sondern auch die logischen Regeln, an die auch ich mich halte. Unsere Sprache hat ja eine ganz klare Struktur, und die gibt unter anderem die Logik vor. Und weil wir die gleiche Sprache sprachen, konnten wir uns verständigen.

Diese in der Sprache liegende Struktur verhalf uns, unsere erst einmal verschiedenen Weltbilder aufeinander abzustimmen, bezogen auf den Relamationsgegenstand. Wir verstanden uns, weil wir in meiner Wahrnehmung über das Selbe sprachen. Unterhalte ich mich mit einem Freund, der an Außerirdische glaubt, die die Erde schon heimgesucht haben, dann ist die Verständigung schwierig, letztlich unmöglich. Denn wir haben unterschiedliche Weltbilder, und genau diese inneren Weltbilder bilden die Struktur ab, mit der wir letztlich denken.

Sehen, was ist, ist also ein frommer Wunsch, denn ich kann nur das sehen, was ich auch gedanklich erfassen kann. Aber davor sollte ich nicht die Augen verschließen. Oder besser mein Denken.