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Schluss mit Nachdenken!

In den letzten Tagen drehten sich meine Gedanken hautsächlich um die Tatsache, dass, wie Erwin Schrödinger in ‚Geist und Materie‘ schrieb, „der ‚gedankliche’ Fehler, der allen Wahrnehmungsproblemen zugrunde liegt mit all ihren gravierenden Folgen für die verschiedensten Facetten unseres tagtäglichen Lebens seine Ursache darin findet, dass wir die Welt in Subjekte und Objekte differenzieren.“ ‚Eigentlich‘ könnten wir das alle wissen, nur sind sich viele dessen oft nicht bewusst, selbst wenn wir es immer wieder genau so machen, die Welt also gedanklich eben nicht in Subjekte und Objekte trennen.

Ich gebe zu, mir fällt es oft noch immer schwer, nicht zu trennen und stattdessen das Ganze wahrzunehmen – es sei denn, ich fahre gerade Motorrad, bin in einem intensiven Gespräch, also immer dann, wenn ich ganz bei der Sache bin. Aber so ist es nun einmal. Dazu ging mir noch durch den Kopf, weshalb es mir immer wieder so schwer fällt, konsequent zu sein, vor allem bei ganz bestimmten Dingen. Etwa Ordnung auf meinem PC zu halten. Als ich so darüber nachdachte ging mir durch den Kopf, weshalb ich mittlerweile viele Dinge, die ich früher erst einmal liegen ließ, heute gleich mache, jedenfalls meistens.

Dabei ist mir aufgefallen, dass ich, erledige ich etwas sofort, etwa Wasser nachzufüllen in exakt dem selben Augenblick, in dem die Lampe am Kaffeeautomaten aufleuchtet, ich nicht darüber nachdenke. Sobald ich darüber nachdenke, mache ich es erst einmal nicht. Meine Enkelin Lotte lernt gerade Flöte spielen. Wenn sie nicht so ein lieber Mensch wäre würde ich sagen sehr, sehr gewöhnungsbedürftig, was sie da an Tönen erzeugt. Sie versucht ihr explizites Wissen zu implizitem Wissen zu machen. Mit anderen Worten, sie sucht das formell dokumentierte Wissen über Flötespielen zu eigenem Erfahrungswissen zu machen.

Das Dumme ist nur, man kann ihr dieses Implizites Wissen nicht einfach beibringen, das muss sie selbst, indem sie Flöte spielt, es also tut. Etwas zu können bedeutet letztlich, über das dafür erforderliche implizite Wissen zu verfügen. Das kann man nicht erklären, nur machen. Mahatma Gandhi hat es einmal so ausgedrückt: „Es gibt keinen Weg zum Frieden, Frieden ist der Weg.“ Ich war einmal bei einem Treffen von Unternehmensberatern mit mehreren Mitarbeitern eines potenziellen Kunden, als mich ein Freund unverhofft fragte, wie ich denn mit Geschäftsführern umginge. Er wollte eine Erklärung dafür, was ich da genau mache. Meine Antwort bestand aus Stottern, ich konnte es einfach nicht sagen. Bis der Herr neben mir mich erlöste und meinte, dass ich es eben mache. Klarer Fall von implizitem Wissen.

Doch was ist implizites Wissen überhaupt? Es ist funktionales Wissen, das ich auf der Plattform meines Weltbildes präsentiere. Ein gutes Beispiel dafür ist wie ich spreche, von der Wortwahl bis zur Tonlage. Also kann man auch darin meine Ethik ‚sehen‘. Und, das Wichtigste überhaupt, bei der Ausübung impliziten Wissens trenne ich nicht zwischen Subjekt und Objekt. Trenne ich hingegen zwischen Subjekt und Objekt, befinde ich mich nicht oder nur zu einem sehr geringen Teil im Bereich des impliziten Wissens. Unterhalte ich mich beispielsweise mit einer Person und trenne dabei permanent zwischen mir und dem anderen, werd ich ihn nicht wirklich hören können, sondern höre nur meine Interpretation.

Fakt ist also, dass  ich alleine dadurch, dass ich es tue ins Tun komme. Doch das bedeutet noch lange nicht, dass das dann auch so wäre, wie ich es haben möchte. Etwa Ordnung halten. Selbst beim Aufräumen spielt mein Weltbild eine Rolle. Als ich das letzte Mal die Texte auf meinem Rechner durchging, stellte ich fest, dass sehr viele uninteressant geworden waren. Ganz einfach deshalb, weil sich mein Weltbild geändert hat. Ich sehe die fundamentalen Dinge ganz anders als noch vor 10 Jahren, das heißt, ich habe mein Reservoir an Wissen nicht nur verändert, sondern auch in mein Denken integriert, indem ich es zu implizitem Wissen gemacht habe.

Die Schwierigkeit ist nur, dass ich beispielsweise Achtsamkeit nicht üben kann; ich kann nur achtsam sein. Achtsamkeit üben zu wollen ist eine gut getarnte Falle, in die man leicht hineinfällt, aber nur sehr schwer wieder herauskommt. Anders als beim Flötespielen muss ich meinem Körper nichts beibringen. Es ist eine rein geistige Angelegenheit, so wie Friedfertigkeit, Konzentriertheit, Bewusstheit oder ‚meine‘ Ethik und Ordentlichkeit. Unter Konzentration oder Ordentlichkeit stellen wir uns oft unbewusst eine Tätigkeit vor, was es aber nicht ist. Es ist ein rein geistiges Phänomen, auf dem eine Tätigkeit aufbaut, es ist eine Haltung. Wirklich ordentlich bin ich erst, wenn ich es nicht mehr so richtig erklären kann, wenn es also implizit geworden ist. Und dann werde ich auch nichts mehr herumliegen lassen.

Nur beginnt das nicht mit meiner Fähigkeit aufzuräumen, sondern mit meinem Verständnis von mir selbst, davon, wie ich ‚funktioniere‘ und natürlich jede Menge Wissen um den Nutzen und den Sinn von Ordnung. Und noch etwas ist bedeutsam: Nur wenn ich denke, ohne nachzudenken, sind Selbstorganisation und damit Kreativität möglich. Kreativität kann man weder lernen noch üben, aber man kann sie verhindern – oder zulassen, indem man sich ihr nicht in den Weg stellt.

Also Schluss mit Nachdenken! Nur noch Wissen und Denken sind erlaubt. Sehr direkt merke ich das beim Kochen. Wenn ich nach Rezept koche, also mit explizitem Wissen, wird es nie was wirklich Gescheites. Nur wenn ich mit meinem implizitem Wissen koche, wird es etwas Sinnvolles. Doch ohne vorheriges Wissen wird es nichts. Deswegen kommt es auf beides an: Erst Wissen und dann Denken – ohne Nachdenken!

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