Zum Inhalt springen

„Richtig“ denken

Es ist schwierig ein Bild zu finden, mit dem man den Geist an sich beschreiben könnte. Eigentlich unmöglich. Was ich durch ein Bild wahrnehme ist ja nicht der Geist, nicht seine Form, sondern der Inhalt, den die Form hervorruft. Jedes Bild ist eine Interpretation.

Es geht also um das, was davor kommt, das nicht Sichtbare, das, was mich sehen lässt, wenn ich etwas wahrnehme. Also muss mein Geist vollkommen still sein, denn nur dann kann ich unbeeinträchtigt sehen, was ist.

Nichts ist uns so selbstverständlich wie die Tatsache, dass wir denken. Dabei ist uns kaum etwas so wenig bewusst wie eben dieses Denken. Wenige wissen, wie wir denken. Achten Sie einmal darauf, in welcher Körperhaltung Ihnen bisher die besten Ideen gekommen sind: Im Stehen, Sitzen oder Liegen? Waren Sie dabei an der frischen Luft, im Auto oder in bestimmten Räumen? Welche Körperteile haben Sie dabei gespürt?

Wenn Gedanken, Wünsche, Gefühle, Intuition, Eingebungen oder etwas, das wir wissen, auf dem Schirm unseres Bewusstseins sichtbar werden, dann ist das die Folge des Denkens, doch nicht das Denken an sich. Wie aber kann ich mein Denken beeinflussen – und damit Einfluss nehmen auf die Qualität meines Fühlens, Handelns und Erlebens?

Untersuchungen von Neurowissenschaftlern ergaben, dass der bewussten Entscheidung einer Handlung ein Prozess vorausgeht, bei dem die Entscheidung an sich erst an letzter Stelle kommt. Denken ist das Ergebnis eines Prozesses, der im Nichtbewussten beginnt.

Das kann man bei allem erkennen, was wir tun. Etwa beim Kochen. Nicht nur die japanische, auch die italienische oder die Küche Südtirols sind für mich Beispiele gekochter Philosophie und schmeckbare Lebensweisheit.

Meine „Kochprinzipien“ beispielsweise sind Einfachheit, kein Gedöns, Qualität der Zutaten, genauso wie Achtsamkeit, Bewusstheit für das, was ich tue. Und was ich nicht vorher in Gedanken schmecken kann, koche ich nicht.

Und so ist es auch mit dem Denken. Dazu gehören für mich

  • Korrektheit
  • Ockhams Rasiermesser
  • das Prinzip des Dialogs
  • Klarheit
  • Offenheit
  • Neugier
  • Denken in prozesshaften und komplexen Strukturen
  • sowie das Prinzip des Selbst-Ergründens und der Verifikation

Möglich wird das durch vollkommene, ich-lose, ausgerichtete Bewusstheit. Mit anderen Worten: Durch den Zustand des Flow.

Der Denker (Edward de Bono):

Ein effektiver Denker ist sich seiner Absichten bewusst: Er kann eine Denkaufgabe genau definieren und sich dann an die Durchführung machen. Er hat sowohl ganz genaue Vorstellungen von der Situation wie auch Überblick darüber. Er zieht Weisheit der Schlauheit vor.

Denken vermittelt ihm ein freudiges Gefühl, auch wenn er einmal nicht so erfolgreich ist. Er ist zuversichtlich und entschieden, aber gleichzeitig auch bescheiden. Er erkennt, dass jede Annäherung nur eine von vielen Möglichkeiten ist, wobei er die meisten überhaupt nicht in Betracht zog. Er ist effektiv und strebt vorwärts. Er ist kraftvoll in seinem Denken und, wo erforderlich, auch praktisch.

Er schwelgt nicht in übermäßiger Intellektualisierung, ist nicht übertrieben kritisch oder zittert vor Unentschlossenheit. Nach Abschluss eines Denkvorgangs ist er in der Lage herauszufinden, welchen Fortschritt er nun erzielte. Auch wenn er zu keiner zufriedenstellenden Antwort gelangt, lernt er doch, sich mit dem Erreichten zu bescheiden, sogar wenn es sich dabei nur um die Erkenntnis handelt, dass noch eine Menge mehr Nachdenkens erforderlich sei.

Der Denker betrachtet Denken als eine Geschicklichkeit, die es sowohl zu üben wie auch zu beobachten gilt. Er ist fähig, über das Denken im allgemeinen wie auch über sein eigenes Denken im besonderen Überlegungen anzustellen. Er ist eher konstruktiv als kritisch und setzt voraus, dass es Sinn und Zweck des Denkens sei, ein tieferes Verständnis, eine bessere Entscheidung oder einen günstigeren Handlungsverlauf zu erzielen, keinesfalls aber, um nachzuweisen, dass er klüger sei als andere

Er bewundert eine Idee wie eine schöne Blume, unterschiedslos, in welchem Garten sie wächst. .. Er ist möglicherweise zu perfekt und ideal, um überhaupt zu existieren. Er ist nicht gefühllos. Aber er sieht den Zweck zu denken als eine Anordnung von Erfahrungen, um seine Gefühle nützlicher einsetzen zu können.

„Richtig“ zu denken setzt kein Wissen voraus, sondern eine spezifische Haltung. Wie sagt doch Hui Neng? „Alle Weisheit kommt aus der Essenz des Geistes, nicht aus einer äußeren Quelle. 
Darüber sei dir im Klaren. Das nennt man ‚das wahre Selbst gebrauchen‘.“

Die „Essenz des Geistes“ aber ist nichts anderes die geistigen Prinzipien, die es zu erkennen und zu leben gilt. Wie sagte doch Immanuel Kant? „Man sollte keine Philosophie, sondern Philosophieren lernen.“ Da ist es wieder: Form und Inhalt.