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Reden ist Silber

Doch Tun und nicht etwa Schweigen ist Gold. Ich muss mir bewusst sein, dass allein über ein Thema zu reden nicht wirklich hilft, ich muss es auch tatsächlich tun, muss es auch leben wollen. Zu reden ist nur die Vorbereitung, das Warmlaufen. Bleibt es dabei, dann ist das so wie immer nur zu studieren, aber nie fertig zu werden und, zu arbeiten. Wie sagt doch Seng-ts’an?

„Selbst wenn unsere Worte genau und unsere Gedanken richtig sind, entsprechen sie doch nicht der Wahrheit. Wenn wir Sprache und Denken aufgeben, können wir über alles hinausgehen. Wer Sprache und Denken nicht zurücklassen kann, wie kann der den Weg verstehen?“

Eine der üblichen Reaktionen auf das Zitat ist sich zu fragen, was das für einen selbst bedeuten könnte. Doch solange ich darüber nachdenke, wird es sich mir nicht wirklich erschließen, kann ich die Erfahrung nicht machen. Das ist so, wie über das Motorradfahren zu reden, wenn ich es noch nie gemacht habe. Das ist selbstverständlich notwendig, will ich hinterher nicht im Graben landen. Ich muss das tun, um überhaupt zu wissen, was zu tun ist. Ich denke, dass das niemand in Frage stellen wird. Motorradfahren ist ja noch eine relativ einfache Sache. Je komplexer die Dinge jedoch werden, desto wichtiger ist es, sich an die Regel zu halten, aus Wissen implizites Wissen zu machen.

Das ist die Übersetzung des obigen Gedanken von Seng-ts’an in der Sprache unserer Zeit: Man muss aus explizitem Wissen implizites Wissen machen, erst dann wird es zur gelebten Erfahrung. Eben die Theorie zur Praxis werden lassen. Und das muss man tun, soll es kein Sturm im Wasserglas sein. Man muss nach außen gehen, sozusagen aus sich selbst heraus. Kein Problem, wenn ich etwa Motorradfahren lernen will. Doch weitaus schwieriger wird es, wenn ich bereits ziemlich gut fahre. Ich habe mich gerade für eine theoretische Wiederholung angemeldet, einfach weil ich wissen will, was ich noch nicht begriffen oder schlichtweg bisher ignoriert und ausgeblendet habe.

Wenn ich etwas schon zu können glaube, wird es schwierig Neues dazu zu lernen, etwa wenn ich in meinem Alter (69) nicht nur verstehen soll, sondern das eben auch zu leben, dass etwa die „Zeit“ nicht das ist, was die Uhr anzeigt und es ein „Ich“ überhaupt nicht gibt, nicht geben kann. Das zu begreifen ist relativ einfach, nicht es aber auch zu leben. Denn das verlangt einen Perspektivwechsel, der einem scheinbar umso schwerer fällt, je älter man ist. Als 20jähriger lernt man schnell Motorradfahren, einfach weil man sich nicht auskennt. Doch als Älterer mit 20, 30 oder noch mehr Jahren Praxis im Autofahren ist das schon erheblich schwieriger, einfach weil man dummerweise glaubt, man könne es.

Man hat einfach ein Auto im Kopf und kein Motorrad. Doch zu akzeptieren, dass Motorräder sich ganz anders als Autos verhalten und man genau das Gegenteil von dem bisher „Richtigen“ tun muss, ist einfach zu verstehen, doch gar nicht so leicht auch zu tun. Auch wenn die Rechtskurve weiterhin nur eine Rechtskurve ist, muss ich etwas anderes tun. Also brauche ich einen Perspektivwechsel für die Technik des Kurvenfahrens. Und das fängt damit an, dass ich weiß, dass ich es (noch) nicht weiß. Also lasse ich es mir erklären und dann mache ich es, nicht indem ich es „nur“ lerne, sondern es eben praktiziere. Ich weiß also, was zu tun ist, nur ich kann es eben noch nicht.

Übrigens ist es wesentlich leichter, von einem Einspurfahrzeug (Motorrad) auf ein Zweispurfahrzeug (Auto) umzusteigen, denn das Fahren mit einem Auto ist einfacher. Es hat eine geringere Komplexität, bietet also nicht so viele Überraschungen. Je höher aber die Komplexität ist, desto schwieriger wird es. Was manchen dazu veranlasst, sich gar nicht erst darauf einzulassen. Sicher ist sicher, da bleibt man lieber in den Bereichen, in denen man sich auskennt. Etwa, wenn es um einen selbst geht. Doch das kann für einen selbst fatal sein. Bleibe ich auf der sicheren, mir bekannten Seite, dann nehme ich in Kauf, dass ich mich selbst reduziere, wenn ich „eigentlich“ weiß, dass viele Prozesse auch in mir selbst wesentlich komplexer sind, als ich bisher angenommen habe. Blende ich jedoch diese Komplexität aus, reduziere ich mich selbst.

Das ist dann so, als würde ich Motorrad mit Stützrädern fahren. Also in meinen Möglichkeiten und Fähigkeiten stark reduziert. Und das auch noch bewusst, wenn ich um diese Zusammenhänge weiß. Also ist es doch sinnvoller, seine Ängste einfach einmal aufzugeben. Ängste haben immer ja auch etwas mit Sicherheit zu tun, man will den Bereich, den man kennt, eben nicht verlassen und sich nicht auf das Unbekannte einlassen. Das ist die eine Sichtweise, die wesentlich bessere ist meinem Empfinden nach mir bewusst zu sein, dass es viele Möglichkeiten zu entdecken gibt. Ich brauche nur die Theorie zu lernen oder mir bei einem anderen abzuschauen und es dann zu praktizieren. Also erst einmal darüber reden und dann auch noch tun.

Was in dem Zusammenhang, den Seng-ts’an anspricht, recht einfach ist. Denn eigentlich kennt jeder Mensch eine Vielzahl von Situationen, in denen er genau das macht. Zumindest als Kinder oder in extremen Situationen. Wir nennen das dann Flow. Also brauche ich nur zu analysieren, was einen Flow ausmacht und es dann zu tun. Was natürlich bedeutet, die gewohnte Schonhaltung aufzugeben. Will ich mir meiner selbst bewusst werden, muss ich mich nur fragen, ob es ein Wesen der Bewusstheit gibt. Die spannende Frage ist jetzt, ob mir die Antwort auf diese Frage den Boden unter den Füßen wegzieht oder mir neue, bisher ungeahnte Möglichkeiten eröffnet.

Es ist einfach eine Frage meiner persönlichen Entscheidung. Entscheide ich mich also zu bleiben (also zu denken), wo ich mich auskenne oder will ich mehr kennenlernen und bisher Unbekanntes ergründen? Von mir selbst, versteht sich! Diese Entscheidung kann mir niemand abnehmen, die treffe ich selbst. Was auch etwas mit Freiheit zu tun hat, denn das ist Freiheit. Meine Freiheit. Warum beneiden wir Kinder dafür, sich spontan auf Dinge einzulassen, die sie „eigentlich“ gar nicht können? Ganz einfach, sie haben ihre Ängste noch nicht kultiviert. Sie wollen noch nichts sein, sie sind einfach. Eine wirkliche Zivilisationskrankheit. Unnötig wie ein Kropf.

Also nicht immer nur reden, sondern tun!

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