Quantendenken

Was ich von der Quantenmechanik lernen kann.

Bisher war ich es gewohnt, die gegenwärtige Entwicklungen linear in die Zukunft fortzuschreiben. Nur wirklich funktioniert hat das sehr selten. Das bedeutet jedoch nicht, die Dinge über mich ergehen zu lassen, denn ich kann lernen, mich darauf einzustellen.

Ich muss damit beginnen, nicht mehr zu versuchen, die gewünschten zukünftigen Ergebnisse zu erreichen, sondern ich muss mich vor allem auf die Gestaltung meiner Beziehungen konzentrieren. Wie Marshall McLuhan ganz richtig sagt: Form vor Inhalt.

Kenne ich mich in dem Gebiet aus, in dem ich mich bewege, kann ich ein Navigationsgerät benutzen. Kenne ich mich nicht aus, hilft nur der Kompass, ansonsten orientiere ich mich an dem Gelände. Die Schwierigkeit war für mich zu akzeptieren, dass ich mich allein in mechanischem Gelände wirklich auskennen kann, sonst aber nicht. 

Vieles, was mir im Alltag kompliziert erschien, ist in Wirklichkeit komplex. Es ist dieser Unterschied zwischen kompliziert und komplex, der für das Denken des 21. Jahrhunderts kennzeichnend ist. Wobei der Unterschied klar ist. Was ich nicht wie eine Maschine bedienen kann, ist komplex. Kann ich die Uhr nicht einfach zurückdrehen und von vorne anfangen, ist es definitiv komplex.

Fazit: Komplexe Phänomene sind nicht vorhersag- und auch nicht vorhersehbar. Das gilt für Fußballspiele ebenso wie für das eigene Leben.

Jedoch unterliegen auch  komplexe Phänomene Gesetzmäßigkeiten, nur sind die von ganz anderer Natur als die Gesetze planbarer Abläufe. In ihnen wirken Zufall und Chaos als wichtige Faktoren mit, es gibt keine definitive Planbarkeit und keine objektiven Beurteilungskriterien können herangezogen werden, da das prozesshafte Geschehen nie endet.

Dass es keine absoluten Bewertungskriterien gibt, darf mich natürlich nicht davon abhalten, meine Handlungen und Haltungen regelmäßig daraufhin zu überprüfen, ob sie meinen wohlgemerkt eigenen moralischen Ansprüchen standhalten.

Ich brauche also mehr Kybernetik, denn sie ist eine Beziehungswissenschaft, die die Gesetze gelingender Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen eines komplexen Systems erforscht.

Wenn jemand etwas nicht verstanden hat, sagt er demnach: „Ich verstehe das nicht.“ Darauf der Sprecher: „Das kann ich dir erklären.“ Das geht dann solange, bis entweder der eine es verstanden oder der anderen erkannt hat, dass er es nicht erklären kann.

Immer wenn einer gesprochen hat, suchen die anderen ihn ernsthaft zu verstehen und nicht, die eigene Meinung durchzusetzen oder ihn gar zu bekämpften. Nur durch gelingende menschliche Beziehungen lassen sich letztlich Antworten auf die Probleme einer komplexen Welt finden.

Es geht um eine Kultur des Denkens, in der die unterschiedlichen Disziplinen oder Personen ihren eigenen Denkstil nicht absolut setzen, sondern die Verschiedenheit der Denkweisen als Ressource betrachten.

Das Problem dabei ist und bleibt die Sprache, denn unterschiedliches Denken verwendet Sprache gleichfalls unterschiedlich. Es gilt daher, eine adäquate Sprache und eine Denkatmosphäre zu entwickelt, in der die unterschiedlichen Disziplinen gemeinsam weiterforschen beziehungsweise Personen ihren Dialog fortsetzen können. 

Oft haben wir es meistens mit kreiskausalen Prozessen zu tun, mit Ursachen, die nicht nur eine Folge haben, sondern zirkelförmige Wirkungen entfalten. Das von Ziel-oder Zweckdenken geformte Bewusstsein verzerrt die Wahrnehmung und macht uns glauben, dass die Welt in linearen Sequenzen funktioniert.

Das große Problem unserer Zeit ist der Unterschied zwischen unserer Art zu denken und der Art und Weise, wie die Natur – und damit auch wir – arbeiten – und eben nicht „funktionieren“. Was geschieht jedoch, wenn unsere Welt der linearen Logik auf eine Welt trifft, in der zirkuläre Verursachungsketten eher die Regel als die Ausnahme bilden?

Ganz klar, wir müssen ernsthaft anderes denken lernen, wollen wir das fragile Netzwerk der Beziehungen in einer komplexen Welt auszubalancieren, um für alle Beteiligten stabilisierend wirken zu können.

Die Frage ist, ob wir bereit sind, uns dem zu stellen.