Propriozeption

Schwer vorstellbar – und doch sehr real. Gestern haben sich meine Frau und ich darüber unterhalten, wie ich das immer zu erklären suche. Mit dem Motorradfahren. Ihr Einwand war, das würden aber nur die verstehen, die selbst auch Motorrad fahren, also die wenigsten. Kann ich schlecht von der Hand weisen, es stimmt einfach.

Aber heute ist mir – Heureka! – ein weiteres Beispiel eingefallen, obwohl ich es ständig tue. Das Problem ist, wenn es einem vollkommen selbstverständlich ist, ist es schwer, das bewusst zu sehen. Implizites Handeln eben. Was also ist mir eingefallen:

Auf beziehungsweise mit der PC-Tastatur schreiben. Da mache ich das gleiche wie auf dem Motorrad. Ich bin bewusst, aber ich mache nichts bewusst. Dazu muss man wissen, dass ich nie richtig mit der Schreibmaschine zu schreiben gelernt habe, sondern mir mit einem Adler-Such-System und nicht mit zehn, sondern mit sechs Fingern behelfe. Geht mittlerweile relativ zügig, also mir genügt es.

Nur, wie gesagt, ich kann nicht sehr gut schreiben. Dabei ist mir etwas sehr Witziges, aber eigentlich vollkommen Normales aufgefallen: Konzentriere ich mich auf die Schrift und die jeweiligen Wörter, die ich am Bildschirm sehe und schreiben will, denke ich also immer ein kleines bisschen in die Zukunft, imaginiere ich das was ich schreibe, sondern bin bei dem, was ich schreiben will und habe dabei gleichermaßen meine Finger und auch die Tastatur im Bewusstsein, jedoch ohne hinzuschauen, wenn ich also nur nur auf den Bildschirm schaue – dann finde ich die Tasten ziemlich treffsicher.

In dem Moment jedoch, in dem ich unsicher werde und mit meinem Blick meine Aufmerksamkeit und Konzentration von dem zu Schreibenden wegnehme und doch lieber auf die Tasten schaue, um sicher zu sein, mich nicht zu verschreiben (!!), passiert genau das, was ich „eigentlich“ verhindern will: Ich schreibe mit wesentlich mehr Fehlern! Nur fallen mir die dann nicht mehr auf, weil ich lieber die Tasten anschaue als das, was ich tatsächlich schreibe.

Am PC zu schreiben setzt sich aus drei wesentlichen Elementen zusammen: Meinem Denken, den zu schreibenden Wörtern, also dem Lesen und der Tasteneingabe. Wenn ich das, was ich schreibe mit der Tastatureingabe in meinem Bewusstsein nicht fragmentiere, dann gesellt sich auch das mir nicht bewusste Denken hinzu, das Denken durch NichtDenken, wie es ein Ch’an-Mensch nennen würde.

Dieses wirklich freie, nicht durch den Verstand kontrollierte Denken stellt sich paradoxerweise nur dann ein, wenn die Aufmerksamkeit gerade nicht auf den Inhalt des Gedachten gerichtet ist, ich mir also vollkommen dessen bewusst bin, was ich tue, es aber nicht im Fokus habe, sondern allein das Ziel – aber auch das nicht konkret, nicht spezifiziert.

Wie heißt es so oft im Ch’an? Der Weg ist das Ziel.