Perspektiven ändern

Böses zu verstehen hilft, Böses zu verhindern. Das verhindert man sicher nicht durch Verständnis, aber eben durch Verstehen. Die Betrachtung des Bösen, um das es hier ja geht, verlangt eine differenzierte, unaufgeregte Sicht. Sieht man, was etwa im sogenannten Dritten Reich passiert ist, dann erschrickt man erst einmal. Denn es waren nicht die johlenden Massen und auch nicht Menschen wie etwa der eitle Göring, die das möglich gemacht haben, die waren dazu gar nicht in der Lage, nein, es waren die stillen, intelligenten, perfekt organisierten Menschen, die das alles möglich gemacht haben. Ich beziehe mich hier nur auf die Medizin, da habe ich belastbare Informationen.

Ich habe gerade Akten über die Organisation des Amts Brandt durchgearbeitet und bin fasziniert, ja wirklich fasziniert, von der beeindruckenden Präzision, mit der dieses Amt organisiert war und was es zu einer derart schlagkräftigen Organisation hat werden lassen. Wenn ich das nicht sehe, wie beeindruckend sie gearbeitet haben, dann werde ich nicht verstehen können, was das Morden möglich gemacht hat. Das aber ist die Voraussetzung dafür, dass ich weiß, was ich tun kann und auch muss, damit es nicht wieder passiert.

Wie gesagt, es waren keine tumben Mörder, sondern hochintelligente, bestens ausgebildete und perfekt organisierte Menschen, die das Grauen möglich gemacht haben. (Ich betrachte hier nur die Mediziner!) Erfreulicherweise sind sie an Hitler gescheitert, der unter irrationalen Ängsten oder Phobien litt; aber auch an Conti, der für den anderen Zweig der Medizin stand und mit dem Brandt & Co im Wettstreit lagen. Conti stand sein eigenes Geltungsbedürfnis im Weg. Und das taten die Menschen um Brandt nicht, die litten unter keinen Phobien, das waren kalt und klar denkende und handelnde Menschen. Was also machte sie wie auch meinen Vater zu Mördern?

Nur wenn ich das weiß, kann ich es selbst lassen und mein Leben anders organisieren, anderenfalls laufe ich Gefahr, unbemerkt Ähnliches zu tun. Denn eines ist sicher, das Böse hat sämtliche ethischen und moralischen Grundsätze sehr vieler Mediziner im Handstreich überwunden. Wie also war das möglich? Was ist der Auslöser für das Böse? Denn das ist nur das Ergebnis, aber nicht die Ursache, das ist etwas anderes.

Es beginnt mit etwas Erschreckendem, dabei vollkommen Einleuchtendem: Sie waren von dem überzeugt, was sie taten, sie hatten nicht das Gefühl, Grenzen zu überschreiten, die ein Mensch nicht überschreiten darf. Das ist wichtig, sich bewusst zu machen, ein Tier kennt dieses „Problem“ nicht, ein Tier kennt solche Grenzen nicht, weil es solche Bedürfnisse nicht hat. Aber vielleicht ist die Frage falsch gestellt? Wäre es vielleicht richtiger, sich zu fragen, was diese Menschen nicht hatten, oder nicht mehr hatten?

Was also hat den Lebensweg dieser Menschen geprägt? Aus meinem eigenen Leben weiß ich, dass es einfacher zu sein scheint, Handlungen zu ignorieren oder zu verteidigen, als ihnen ehrlich auf den Grund zu gehen. Wir greifen eher an, als das wir etwas zugeben. Etwas zuzugeben erfordert offensichtlich Mut, den wir scheinbar nicht mehr haben. Ehrlich zu sein ist tatsächlich eine Frage des Mutes, des Mutes, um uns dem zu stellen, was uns Angst macht.

Dies geht in einer Nebelwand von Täuschungen verloren, die wir benutzen, um das eigene Verhalten zu rechtfertigen. Viele Menschen, vor allem auch Führungskräfte sind sogenannte Manageristen, Menschen, die letztlich nur das eigene Wohl im Sinn haben. Das macht blind für das Wohl der anderen. Wann immer wir meinen, einen guten Grund zur Unehrlichkeit zu haben – Elend, Verzweiflung, Depressionen, Unwissenheit, ungerechte Behandlung usw. – liefern wir uns lediglich noch mehr Beweise, die unsere Angst vor dem, was wir zu vermeiden suchen, nähren.

Wie aber sieht diese Angst aus? Es ist Angst vor unserer eigenen Unzulänglichkeit, mit etwas klarzukommen, mit etwas umgehen zu können. Es ist die Überzeugung, die dem Sammeln von Beweisen unserer Misserfolge vorangeht! Bringen wird den Mut auf, uns dem, wovor wir Angst haben, zu stellen. Dies ist die härteste Prüfung des Lebens – Versagen führt zur Unbewusstheit.

Wenn wir all unseren Mut zusammennehmen, zu unseren Erfahrungen zu stehen, sie so zu sehen, wie sie tatsächlich sind, sie zu spüren, dann entdecken wir das geistige Muster unseres Lebens aufs Neue. Wir schauen unseren Ängsten ins Auge und finden so die immanenten  Überzeugungen heraus, die sie geschaffen haben. Allein im Erkennen der Immanenz öffnet sich das Tor zur Transzendenz.

Dass das nicht von jetzt auf gleich geht, liegt auf der Hand. So, wie es in der Gesellschaft die Demokratie braucht, bis wir zur Anarchie fähig sind, brauchen wir auch eine Haltung, bis wir zur Transzendenz fähig sind. Aber wirklich fähig und nicht nur fähig, darüber zu reden. Diese Haltung ist keine Vorschrift, sondern die Aufforderung, zu erkennen, was wirklich ist und sich nicht weiter zu täuschen. Ohne „zu lassen“, denn ich muss ja die innere Bereitschaft haben, mich täuschen zu lassen, sonst geht es ja nicht.

Mich nicht zu täuschen bedeutet ganz banal, zu sehen, was wirklich wirklich ist, statt meine Meinung darüber für die Wirklichkeit zu halten. Ich muss also nur bereit sein, die Dinge selbst zu sehen und meiner Wahrnehmung auf den Grund zu gehen. Erst, wenn ich mir ganz sicher sein kann, dass es so ist, wie ich es wahrnehme, darf ich mir eine Meinung dazu bilden. Aber erst dann. Ich muss ganz einfach aufrichtig sein.

Der Ertrag eines Lebens voller Aufrichtigkeit ist die Fähigkeit, zu fühlen und zu teilen – Mitgefühl und Einfühlungsvermögen. So kann berechtigtes Vertrauen entstehen. Ich brauche einfach nicht mehr zu urteilen und zu bewerten. Das ist alles, was zu tun ist. Was manchem schwer erscheint, bedeutet es doch, das Eigene zurückzustellen.