Organisation & Struktur

Alles ist eine Frage der Organisation und der Struktur. Jedenfalls ist das meine Überzeugung. Heute früh dachte ich darüber nach, was eine Blume zu Blume macht. Ganz klar, die einzelnen Atome sind perfekt organisiert, in genau der für die jeweilige Blume ‚richtigen‘ Struktur.

Was mir schon einen ersten Hinweis auf Organisation gibt, das ist das Wörtchen ‚richtig’. Denn meine selten bewusste Organisationsstruktur in meinem Gehirn entscheidet darüber, was ich als richtig empfinde und was nicht. Was ich als richtig empfinde ist zwar perfekt organisiert, nur mit einer Struktur, die zu dem – für mich – falschen Ergebnis (oder Inhalt!) führt. Bei mir selbst ist das nicht anders; bringe ich mal wieder zu viel auf die Waage, habe ich ganz einfach meine Essensaufnahme schlecht organisiert und schlecht strukturiert.

Da spielt vor allem meine emotionale Stimmung eine gewichtige (!!) Rolle. Nur vergesse ich schnell oder meist, dass ich die ja auch ‚nur‘ organisiere. Ich bräuchte nur anderes zu denken und schon hätte ich ganz andere. Wie ich die Dinge sehe, wie ich sie also denke, bedingt die entsprechenden Emotionen, damit ich überhaupt spüre, was ich denke. Also stimmt insoweit meine Denkstruktur nicht.

Verhalte ich mich auf eine Art, wie ich mich ‚eigentlich’ nicht verhalten will (ist mir gestern wieder einmal passierte), habe ich die dafür zuständigen Synapsen in meinem Gehirn zwar vollkommen korrekt organisiert – aber nicht in oder mit der gewünschten Struktur. Ich hatte doch noch die Synapsen für Smalltalk mit dabei, der ja in der Regel über Beurteilungen funktioniert.

Die Blume oder ich sind ja erst einmal nur ein Haufen von Atomen, ein Quantenhaufen, wie ich es immer nenne. Wie die Legosteine in der Kiste, die ich meinem Enkel immer wieder mal aus dem Keller hochtrage. Das blanke Chaos, dabei ist das ein sehr stabiler und reaktionsträger Zustand. Die Struktur kann einfach nicht noch kaputter gemacht werden, als sie eh schon ist.

Nicht nur die Atome in Edelgasen sind bestrebt, diesen reaktionsträgen und stabilen Zustand zu erreichen, sondern einfach alles. Aus diesem Grund zerfällt alles sofort wieder, wenn nichts dagegen getan wird. Es ist allein eine Frage der Entropie. Mit Entropie wird in einem thermodynamischen System dessen Stabilität beschrieben, gilt aber für alle Systeme. Pauls Legokiste hat also erst einmal eine hohe Entropie, alles ist absolut stabil. Je mehr er oder wir dann organisieren und je mehr Struktur wir hineinbringen und das Ganze Gestalt annimmt, desto mehr nimmt die Entropie ab.

Was mich immer wieder verwirrt ist, dass die Entropie dann klein ist, wenn doch eigentlich ein stabiler Zustand erreicht ist. Müsste doch genau umgekehrt sein! Aber da sieht man, wie Emotionen mir das Leben schwer machen können. Irgendetwas in meiner Denkstruktur wehrt sich dagegen, dass etwas Erstrebenswertes einen kleinen Wert hat. Scheinbar habe ich einige Synapsen so organisiert, dass Werte positiv bewertet werden, also müsste die Entropie dann umgekehrt verlaufen. ich werde ich gegebener Zeit die Struktur der Organisation meiner Werte einmal reflektieren. Kann ja nicht sein, dass ein Anstieg per se einen positiven Wert darstellt.

Will ich mich also so verhalten, wie ich mich gerne verhalten würde, muss ich die Synapsen in meinem Gehirn mit einer meiner Vorstellung von gutem Verhalten entsprechenden Struktur organisieren. Was nicht so einfach ist, mit Legosteinen geht das wesentlich leichter. Die kann ich nämlich sehen und anfassen, Synapsen nicht. Wie also kann ich das bewerkstelligen?

Als ich darüber nachdachte ‚sprang‘ mir regelrecht das Hintergrundbild meines Bildschirms ins Auge. Wunderschöne Bilder von einer Norwegenreise im stündlichen Wechsel. Doch genau da steckt eine Schwierigkeit drin, denn anders als der jetzt ganz einfach schwarze Bildschirm löst das keinen emotional stabilen Zustand in mir aus, sondern genau das Gegenteil. Will ich etwas reflektieren, darf ich nicht abgelenkt sein. Genau das aber hatte ich über den Bildschirm wie über die Musik erreicht.

Also Ruhe im Außen, damit ich mich auf das jeweilige Thema konzentrieren kann und mich nicht selbst ablenke. Doch das bringt meine Synapsen noch nicht in die gewünschte und für mich stimmige Struktur. Doch Ruhe im Außen bedeutet nicht alles auf Schwarz, wie den Bildschirm, sondern ruhig. So wie ich mich durch die Klaviermusik, die ich gerade höre, inspirieren lasse, werde ich auch durch die Möblierung und Ordnung meiner Wohnung inspiriert, vorausgesetzt, ich gestalte sie entsprechend. Was mich übrigens im selben Augenblick veranlasst hat, meinen Schreibtisch nicht nur aufzuräumen, sondern bewusst zu gestalten.

Das ist nämlich der indirekte und auch einzige Weg zu meinen Synapsen. Indem ich wirklich alles in meinem Leben bewusst darauf ausrichte, wie ich leben will, ändert sich mein Denken. Ordnung entsteht ja durch die Zuführung von Energie, hier durch das Dabeibleiben und nicht durch Ablenkung in die falsche Richtung gelenkt, auch Konsequenz und Achtsamkeit wie Aufmerksamkeit sind Energie. Das Ziel des Ch’an ist es ja, zur Ruhe zu kommen und sich an der Stille und dem Nichts erfreuen.

Natürlich besteht hier auch die Krux dieses Gedankens darin, dass je nach Verständnis unter Ch’an „alles“ oder „nichts“ verstanden wird. Es ist nicht so einfach, die oft zitierte Leere als Fülle des Lebens zu verstehen. Also: Alles Überflüssige und Sinnfreie wie Nippes oder nicht benutzte Gegenstände sollten schleunigst verschwinden! Ich reduziere mich auf das Wesentliche, jedoch ich lebe nicht minimalistisch-spartanisch, sondern eben wesentlich. Übrigens, mein Bildschirm ist nicht mehr schwarz, sondern in einem satten Rot. Mal sehe, ob ich noch etwas Besseres finde.

Letztlich ist das in meinem Verständnis der Grundgedanke des Ch’an, dass ich mit einer visuellen Ordnung vor Augen innerlich zur Ruhe komme und so mein Denken strukturiere. Ich darf gerade nicht versuchen, mein Denken willentlich zu organisieren, das würde nicht funktionieren. Mein Gehirnorganisation folgt der Struktur meines Lebens. Möchte ich mein Gehirn ‚anders‘ strukturiert sehen, brauche ich die entsprechende Struktur in meinem Leben.