Ordnung

Ordnung heißt nicht, dass es „nur“ ordentlich ist. Es bedeutet mehr. Dahinter steht für mich die Frage nach der Form, die mich handeln lässt, wie ich handle. Der Schlüssel dazu ist Propriozeption. Schon viele Philosophen und Geisteswissenschaftler haben sich dazu Gedanken gemacht, etwa Aristoteles, für den es der Gemeinsinn war, oder Rousseau, für den es der Verstand war, oder Buffon, der den sechsten Sinn im Verlangen nach dem anderen sah, bis hin zu Husserl, der den sechsten Sinn in der Bewegung sah, durch den sich das Raumerleben ergibt.

Für den Phänomenologen wird die „Identität des Raumes“ durch die Empfindung des Subjekts, das sich in ihm bewegt, ermöglicht. Jedoch, so Husserl, sei der Begriff „Bewegungsempfindung“ für uns „unbrauchbar“, da wir nicht spüren, dass sich die äußeren Dinge bewegen. Wir spüren nur uns selbst und unsere eigene Bewegung. Kinästhetik ist demnach die Empfindung der Bewegungen des eigenen Körpers, die uns eine Vorstellung des Raumes ermöglicht.

Den Begriff der Propriozeption prägte übrigens ein britischer Wissenschaftler, Charles Sherrington. Propriozeption ist die sensible Wahrnehmung des eigenen, sich bewegenden Körpers, seines Volumens und seiner Raumdimensionen. Husserl hatte also genau richtig gelegen: Der sechste Sinn steckt in der Bewegung!

Das bedeutet, wenn ich meine Bewegung optimal organisieren kann, kann ich auch den Raum optimal erfahren, in dem ich mich bewege. Nicht anders ist es mit der geistigen Bewegung. Habe ich die optimal organisiert, erfahre ich auch den geistigen Raum entsprechend. Die Frage ist nur, wie ich eine geistige Bewegung ideal organisiere?

Dazu gehören für mich zwei Dinge, einmal Bewusstheit und eine Wahrnehmung dieser Bewegung – was ja auf der körperlichen Ebene relativ einfach ist, aber nicht auf der geistigen. Denn es da zu spüren ist nicht so einfach. Daher gehe ich den Weg über das Äußere, wobei ich davon ausgehe, dass sich im Äußeren immer auch das Innere widerspiegelt.

Die Musik, die mich anspricht, etwa Bachs Toccata und Fuge in d-Moll, triggert mich ja an, weil ich mit ihr in Resonanz komme – oder sie mit mir. Wie auch immer. Schönes empfinde ich als schön und Hässliches als hässlich, weil das meinem inneren ästhetischen Empfinden entspricht. Und exakt so ist es auch mit der Ordnung, die ich im Äußeren habe – sie entspricht meiner inneren Haltung.

Will ich also wissen, wie ich mich innerlich organisiere, dann brauche ich mich nur in meinem Zimmer umzuschauen. Andererseits kann ich durch eine andere Art der äußeren Ordnung meine innere Form anders ordnen. Mir fällt da immer sofort der Film „The Last Samurai“ ein, ein Film, der – bis auf die Gewaltszenen und den Schluss – eine für mich perfekte Ordnung zeigt – sowohl im äußeren wie im Denken der Protagonisten.

Aktuell bin ich (zwangsweise) von einer Kawasaki ER 6n auf eine Kawasaki Z 900 RS umgestiegen. Meine Erfahrungen waren faszinierend, fuhr ich doch schon nach wenigen Kilometern ganz anders, langsamer und ruhiger, obwohl die Maschine wesentlich mehr Dampf hat als die alte, einfach souveräner.

Die Maschine gibt die Form vor, der ich mich unbewusst innerlich anpasse. Und das kann ich für mich nutzen, indem ich mich in Propriozeption übe – nicht nur körperlich, sondern auch geistig. Etwa dialogisch zu kommuniziere, statt über soziale Geräusche.