Ordnung versus Gesetz 

Das Universum, so wie es sich Newton dachte, erscheint als deterministischer Ablauf eines Uhrwerks. Und weil viele Dinge sich scheinbar auch exakt so zu verhalten schienen, übertrugen das viele Menschen auf schlichtweg alles. Damit war alles so wunderbar berechenbar und planbar!

Dabei hätten sie ‚eigentlich‘ wissen können, dass das nicht sein kann, schließlich kann man weder das Wetter noch das Ergebnis eines Fußballspiels sicher voraussagen. Warum um Himmels willen glauben wir dann, wir könnten Menschen verstehen? Ganz einfach, auch dafür gab es Modelle, mit denen man Menschen wunderbar einsortieren zu können glaubte.

Doch Newtons Gedankengebäude begann Ende des 18ten Jahrhunderts zu wanken. Etwa durch die von James Clerk Maxwell entworfene „Theorie des elektromagnetischen Feldes“, die die Existenz elektromagnetischer Wellen vorhersagte – und die in der Folge bald nachgewiesen wurden. Damit betrat eine völlig neue Art von Kräften die physikalische Bühne. Sie wurden als ‚Feld‘, das heißt als ‚physische Realität‘ mit ‚innerer Dynamik‘ aufgefasst. 

Doch die Maxwell-Gleichungen verletzen die Galileische Relativität. Also stimmte etwas nicht. Sie erforderten ein neues Relativitätsprinzip, das die Absolutheit der Zeit aufgibt. Den Rest kennen wir: Einsteins allgemeine und spezielle Relativitätstheorie.

Und so ging es weiter und weiter. Etwa durch das Schrödingersche Atommodell war mit einem Schlag das gesamte empirische Material der Atomspektroskopie erklärt und berechenbar geworden, einschließlich des Ritzschen Kombinationsprinzips. Das war Schrödingers Geniestreich. Dieses Atommodell war spektakulär. Aber es war ein Bruch mit der klassischen Physik, wenn auch von faszinierender begrifflicher Einfachheit.

Das hat unter anderem die Einsichten für eine Schichtenstruktur im Aufbau der Physik eröffnet. Darauf hat besonders Philip Warren Anderson aufmerksam gemacht: „In jedem Stadium entsteht die Welt, die wir wahrnehmen, durch den Prozess, bei dem beträchtliche Aggregationen von Materie spontan Eigenschaften entwickeln können, die für die einfacheren Einheiten, aus denen sie bestehen, keine Bedeutung haben. Eine Zelle ist noch kein Tiger. Ebensowenig ist ein einzelnes Goldatom gelb und glänzend.“

Der Entwurf der klassischen Physik seit Galilei und Newton erscheint so als ein Gesetzeswerk, das auf der Grundlage einer zunächst nicht hinterfragten Ordnung zustande gekommen ist, die gleichwohl durch Beobachtung und Messung erkennbar wurde.

Diese Ordnung wurde erst dann hinterfragt, als es zu Widersprüchen kam. Durch erste Einblicke in die tieferliegenden Strukturen der Wirklichkeit, zu deren Verständnis neue mathematische Entwürfe notwendig waren, stellte sich heraus, dass die materiellen Objekte dieser Ordnung sich zum überwiegenden Teil als makroskopische Zusammenschlüsse von ‚Quantenmaterie‘ in der Form von Atomen erwiesen.

Erst durch diese Einblicke konnte man die Einsicht gewinnen, dass die Gesetze dieser Ordnung deshalb erkannt und verstanden werden konnten, weil sie unabhängig sind von den tieferliegenden Gesetzen, aus denen heraus diese Ordnung entstanden ist. Also auch ‚Materie‘ – und damit alles Existierende, auch wir Menschen, denn wir bestehen ja auch aus Materie, lies sich sozusagen nur narrativ verstehen.

Die große Gefahr dabei ist, dass die Lust zum Narrativen zur Pseudotheorie führen kann, die die Tendenz zu wissenschaftlich verbrämtem Mythos in sich trägt. Aber die Sorge darum darf uns nicht davon abhalten, uns mit der Ordnung, nicht den Gesetzmäßigkeiten komplexer Systeme auseinanderzusetzen.

Also kein Determinismus mehr! Was unbestreitbar gravierende Folgen für unser tradiertes Denken hat. Es stellt es schlicht und einfach auf den Kopf. Wir müssen schnellstens lernen, ‚neu‘ zu denken.