Offenheit

Worüber man reden muss, denn schweigen ist nicht immer Gold. Kürzlich kam ich in einem Gespräch – warum auch immer – auf eine alte Geschichte aus meinem Beraterleben. Ich war in einer Firma, in der es knirschte. Der erste Tag war hinter uns, ich hatte mein Programm abgespult. Nach dem Abendessen saßen wir alle noch bei einem Glas Wein oder Bier zusammen.

Die Teilnehmer um mich herum, ich mittendrin. Ich beteiligte mich wenig an den Gesprächen sondern notierte mir, was gesagt wurde. Es war ja ein „öffentliches“ Gespräch. Am nächsten Morgen im Workshop griff ich dann die Bemerkungen auf, selbstverständlich ohne Namen zu nennen. Ich tat das, weil das ganze Problem darin offen zu Tage kam.

Doch statt sich darüber zu freuen, dass jetzt endlich alles auf den Tisch kam, warf man mir Illoyalität vor. Aber war es eigentlich nicht gerade meine Aufgabe als Berater, das Verschwiegene offen zu legen? Aber so war es nun einmal.

Ich jedoch habe meine Lektion gelernt. Als ich wieder einmal in einer Beratung war, fragte ich alle Beteiligten, also auch den Chef, ob sie bereit wären, mir die Fragen, die sie an meiner Stelle ihren Kollegen stellen würden per Fax zuzuschicken, neutral, ohne Namen. Ich würde das dann zusammenfassen und ihnen präsentieren.

Gesagt getan. Ich sortierte die Fragen aller Mitarbeiter und die des Chefs, sortierte sie und stellte erstaunt fest, dass sie alle die ziemlich identischen Fragen gestellt hatten. Und las man sich diese Fragen durch, dann wurde sehr schnell klar, wo der Hase im Pfeffer lag.

Das Dumme war nur, dass mein Job nach einem Tag zu Ende war, denn mit den Fragen war das Problem kein Problem mehr, sondern der Weg zur Lösung war offensichtlich geworden. Die bisherigen Kommunikationswege waren gestört und der „alte“ Informationsverteiler war ausgeschlossen worden – die Sekretärin des Chefs. Eine banale räumliche Veränderung.

Damit aber war das gesamte System gestört, die Informationen kamen nicht mehr da an, wo sie hin sollten. Was hatte die Sekretärin gemacht? Sie hatte die Informationen, die sie bekam, anonymisiert und dann nach oben weitergegeben. Und das konnte sie nicht mehr. Exakt das hatte ich in der Beratung nachgeholt. Die Frage, die sich mir dann stellte, war – und ist – weshalb wir nicht offen und direkt miteinander reden.

Ich höre oft, dass die Menschen in Deutschland nicht wissen konnten, was 1933 bis 1945 geschah, was Hitler und seine Offiziere machten. Doch dank des politischen Tagebuchs von Friedrich Kellner, einem kleinen Justizbeamter in der hessischen Provinz, wissen wir es. Es zeigt, wie viel der Normalbürger von den Verbrechen des NS-Regimes mitbekam – nämlich so ziemlich alles. Jeder konnte es wissen.

Die Worte von Bertold Brecht aus seinem Gedicht „An die Nachgeborenen“ „Was sind das für Zeiten, wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt.“ waren nicht aktuell, sie sind es immer noch. Und auch im ganz Alltäglichen.

Oder wie Hannah Arendt es formulierte: „Jemand, der weiß dass er widersprechen kann weiß auch, dass er gewissermaßen zustimmt, wenn er nicht widerspricht.

Gedanken, die ich nicht nur auf die Zeit von 1933 bis 1945 beziehe, sondern auf unser konventionelles Verhalten überhaupt. Wir schweigen, wo wir nicht schweigen dürften. Oder, wo wir nicht mehr schweigen dürfen? Ohne Konjunktiv?