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Magische und mystische Welt

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Weiter gedacht ...

Wir sind so sehr auf inhaltliche Fragen fixiert, dass wir gar nicht wirklich merken, dass letztlich nicht der Inhalt, sondern die Form entscheidend ist. Wir können Inhalte nicht ändern, nur die Form können wir ändern. Dann entstehen neue Inhalte. Das heißt, wir müssen unser Denken neu strukturieren, wollen wir etwas anderes tun bisher.

Es beginnt bei dem, was wir als Grundlage unserer Wahrnehmung ansehen. Vor Galileo Galilei glaubte man allein aufgrund der sinnlichen Wahrnehmung, dass schwere Körper schneller fallen als leichte. Galilei aber – und das war die entscheidende Wende – misstraute dem Augenschein und fand durch gedankliche Abstraktion, dass ohne störende Einflüsse alle Körper gleich schnell fallen. Seine Fähigkeit, voraussetzungslos zu denken und zu abstrahieren, machte Galilei zum Vater der modernen Physik – im Gegensatz zur Physik des Altertums. Und ihn interessierte in erster Linie das wie und nicht das warum.

Isaac Newton führte das mit immer umfangreicheren Berechnungsmethoden fort. Er erkannte, dass im Kosmos das Prinzip strikter Kausalität herrscht. Alles lies sich lückenlos berechnen – bis auf den Planeten Merkur, der sich einfach nicht fügen wollte. Und James Clerk Maxwell definierte den zweiten Eckpfeiler des Gedankengebäudes der klassischen Physik: die Gesetze der Elektrodynamik. Doch Planck fand heraus, dass sich Wärmestrahlen nicht an die Maxwellschen Gleichungen hielt. Sie kommt in Paketen und nicht kontinuierlich daher.

Doch die herrschende Ansicht über die wissenschaftliche Methode brachte Planck und Einstein zur Verzweiflung, nämlich dass Theorien aus Tatsachen und Experimenten abgeleitet werden müssen. Einstein aber begann zu ahnen, dass nur das Auffinden eines allgemeinen formalen Prinzips zu gesicherten Ergebnissen führen könnte. Es war dieser einzige Gedanke, der genügte, um zwei bis drei Jahrhunderte rationalistischen Denkens aufzuheben.

Es ist - wie bei Galilei - die Kraft der gedanklichen Abstraktion, die Einstein befähigt, das Weltbild neu zu sehen. Einsteins Denken beginnt da, wo es bei normalen Menschen aufhört: An der Grenze der bildhaften Vorstellung. Weil er nicht bildhaft denkt, kann er die Barriere aus tief eingewurzelten Vorstellungen erkennen, die bis dahin niemand zu durchstoßen vermocht hat. Dies lässt sich an dem Beispiel des Doppelpendels gut beschrieben. Die eine, klare Pendellinie beschreibt das Kalkulierbare, das Berechenbare und Wahrnehmbare, die andere die Komplexität, das nicht Vorhersagbare - aber denkbare, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Das ist der Punkt, an dem sich wohl auch Einstein irrte, wie Zeilinger in seinem Buch schreibt. Einstein war immer auf der Suche nach Einheit und Harmonie. Doch die moderne Physik offenbarte immer mehr eine Welt, in der die Kausalität zugunsten des Zufalls und der Wahrscheinlichkeit völlig aufgehoben ist und in den letzten Konsequenzen sogar die Zeit rückwärts fließt, also das zweite Ereignis vor dem ersten stattfindet. Einstein hoffte bis zuletzt, dass die statistisch begründeten Wahrscheinlichkeitsgesetze der Atomphysik sich einst als provisorische Hilfsmittel erweisen würden.

Daher auch sein Satz, dass er nicht glauben könne, dass Gott mit der Welt Würfel spiele. Wie auch immer, die Welt, wir selbst und unser Leben folgt aber nicht dem Verlauf der ersten, roten Linie Bewegung des ersten Pendelarms, relativ berechenbar, sondern der blauen Linie, die der zweite Pendelarm zieht, nicht vorhersagbar, aber doch indirekt beeinflussbar – durch das Bewusstsein. Die entscheidende Frage ist, ob wir bereit sind, uns darauf einzulassen. Ja, die Welt ist magisch – und mit ihr auch wir selbst. Wir müssen es nur begreifen.

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Die erkenntnistheoretische Grundansichten und Weltbilder wurden bisher durch philosophische Beweggründe und Denkansätze geprägt und bestimmt. Doch so wie in der Vergangenheit mehr und mehr die Wissenschaften mystische und religiöse Scheinerklärungen durch rationale Erklärungen zu verdrängen vermochten, so muss auch in der heutigen Zeit wieder ein epistemologischer Paradigmenwechsel stattfinden.

Auch wenn es uns oft nicht bewusst ist, so ist uns - ungeachtet aller modernen und fundamentalen Erkenntnisse durch die moderne Physik - immer noch ein Weltbild zu eigen, das dem aus Newtonschen Zeiten um 1700 ähnelt. Wir hegen eine mechanistische und deterministische Weltensicht, bestimmt und bestätigt durch uns umgebende Geschehnisse des Alltags.

Ein Billardtisch etwa vereinigt all unsere weltanschaulichen Vorurteile: In einem trivialen Zusammenspiel von Stoßkräften laufen unter der Einhaltung von Energie- und Impulserhaltungssätzen einfach berechenbare Stöße ab, die eventuell noch von Rotationsbewegungen begleitet werden. Ein Spiegel unserer klassischen, mechanisch-deterministische Welt so wie wir sie kennen. Doch ist dieses mechanistische Naturbild wirklich zutreffend? Verhalten sich alle Naturobjekte so simpel und vorhersagbar wie Billardkugeln? Nein, das tun sei eben nicht. Und wir auch nicht.

Denn wenn beispielsweise bei einem Fußballspiel der Schiedsrichter ein Abseits pfeift, eine ganz klare, logisch nachvollziehbare Entscheidung, so wird doch das Spiel eine nicht vorherseh- und vorhersagbare Richtung nehmen. Die Bedeutung des Spiels, die persönliche Gestimmtheit der Spieler, dieses immense Feld von Wahrscheinlichkeiten, wird mit dem Pfiff des Schiedsrichters kollabieren und das Spiel nimmt einen eindeutigen aber eben nicht vorhersagbaren Verlauf.

Und wollen wir nicht Spielball äußerer Einflüsse sein, tun wir gut daran, uns in unser inneres Kloster zu begeben und uns selbst immer wieder zu reflektieren. Denn nicht wir sind unberechenbar, sondern wir reagieren oft unberechenbar. Jedenfalls meistens. Doch dagegen können wir etwas tun und die Haltung einüben, die der Welt angemessen ist.