Normalität

Was ist eigentlich „normal“? Und ist es erstrebenswert, „normal“ zu sein, also so, wie alle anderen auch? Ich habe kein Problem damit, dass ich als männliches Wesen keine Röcke trage sondern eben Hosen, wie die meisten auch. Und ich habe auch kein Problem damit, mich an Verkehrsregeln zu halten. Obwohl, das ist mittlerweile vielfach nicht mehr so ganz normal.

Nur es gibt auch Bereiche, wo ich wirklich nicht normal sein will. Etwa im Gebrauch der Strukturen, mit denen viele ihr Denken organisieren – eben normalerweise. Als ich noch als Anwalt tätig war, habe ich mir nie Gedanken darüber gemacht, mit welchem Imperativ ich gearbeitet habe beziehungsweise, was „das“Recht für mich war: Ein ethischen oder eine erkenntnistheoretischer Imperativ? Und wenn ich mir darüber Gedanken gemacht hätte, hätte ich gemerkt, wenn ich wie vielleicht die meisten Juristen beide Begriffe vertauscht hätte?

Ein Jurist empfindet normalerweise seine Affinität zum Recht als ethischen Imperativ, weil es die gesellschaftliche Wirklichkeit weitestgehend betrifft, damit die Gesellschaft Strukturen und Regeln erhält und dadurch funktionsfähig ist respektive bleibt. Empfunden wird diese Affinität als ethischer Imperativ, gelebt jedoch als erkenntnistheoretischer Imperativ. Also normalerweise.

Wenn ich so darüber nachdenke, war ich erfreulicher Weise als Anwalt nicht normal, denn dass das kodierte Recht die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft gewährleistet, habe ich schon immer für Unsinn gehalten. Was ich mittlerweile für selbstverständlich halte, ist für möglicherweise für viele Menschen alles andere als normal. Oder das, was Nietzsche im „Zarathustra“ sagt:

Wo meine Redlichkeit aufhört, bin ich blind und will auch blind sein. Wo ich aber wissen will, will ich auch redlich sein, nämlich hart, eng, grausam, unerbittlich.

Oder, wie es der Philosoph Thomas Metzinger, in seinemAufsatz Spiritualität und intellektuelle Redlichkeit sagt:

Beim Denken geht es nicht um schöne Gefühle. Es geht um die bestmögliche Übereinstimmung zwischen Wissen und Meinung; es geht darum, nur evidenzbasierte Überzeugungen zu haben und darum, dass Kognition nicht emotionalen Bedürfnissen dient.

Und sagt nicht Dürer in seinem Verständnis von Kunst das Gleiche? Kunst sagt er, ist gewaltig, und daher ist der Künstler gewalttätig, indem er den Menschen seine Kunst zumutet.

Nur, dass wir die Bildkunst leichter ausblenden können, dazu nicht Stellung nehmen müssen, wie in einem Gespräch. Die interessante Frage ist, ob  Nietzsche, Metzinger oder auch Dürer „normal“ wie ihre Mitmenschen gedacht haben.

Ich denke nämlich, dass sie das nicht haben. Die Frage aber bleibt: Ist Redlichkeit im Sinne von Nietzsche hart, eng, gar grausam und unerbittlich? Aber wie sagt Metzinger? „Beim Denken geht es nicht um schöne Gefühle. Es geht um die bestmögliche Übereinstimmung zwischen Wissen und Meinung; es geht darum, nur evidenzbasierte Überzeugungen zu haben und darum, dass Kognition nicht emotionalen Bedürfnissen dient.“

Das kann ganz schön hart sein, jedenfalls für die, die an oder in ihren Emotionen festhängen.