Neugier

Neugierige Menschen sind mächtige Menschen. Doch warum ist das so? Gestern habe ich wortreich und auch logisch dargelegt, dass es kein „inneres Kind“ gibt, sondern nur die Emotionen und Erinnerungen, die ich heute habe. Soweit, so gut.

Heute früh wachte ich mit der Erkenntnis auf, dass das bedeutet, dass es auch kein inneres Weltbild geben kann. Es gibt nur die Emotionen und Überzeugungen, die ich heute habe. Das bedeutet, dass die Welt tatsächlich ausschließlich in meinem Kopf entsteht. Die Menschen sind nicht, sie sind für mich, wie ich sie mir denke. Das sieht wohl auch die moderne Wissenschaft so.

Bislang dachte ich, dass ich als Kind mit einem leeren Gehirn auf die Welt gekommen wäre, das ich dann mit der Zeit mit Informationen auffüllte. Sozusagen eine leere Tafel, auf die Erfahrungen geschrieben werden. Das war auch der Stand der Wissenschaft. Doch das beantwortet nicht alle Fragen, setzt diese Sichtweise doch schwer haltbare Annahmen über die Art und Weise voraus, wie das Gehirn Ereignisse in der Welt verarbeitet.

Insbesondere betrifft das die Notwendigkeit eines hypothetischen »Beobachters«, der eingehenden Signalen eine Bedeutung zuweist. Woher aber konnte ich wissen, was das bedeutet, was meine Augen wahrnahmen, konnte es mir doch niemand erklären? Wo also war der ominöse Dritte, der mir zuflüsterte was das überhaupt war, was ich da sah?

Heute geht man davon aus, dass nach dem inside-out-Modell es keinen Beobachter braucht. Der alternative Erklärungsansatz geht davon aus, dass wir die Außenwelt verstehen lernen, indem wir mit ihr interagieren. Wenn man ein Objekt, etwa eine Blume, bewegt, erfährt man mehr über sie. Um diese Aufgabe zu meistern, fließen Signale von handlungsauslösenden und sensorischen Neuronen zusammen und geben gemeinsam Aufschluss über Größe, Form und weitere Attribute.

Ein bedeutungsvolles Bild entsteht durch diesen Dialog zwischen innen und außen und lässt das Gehirn in diesem Fall die Blume „sehen“. Genau das taten übrigens auch die Katzen, die mir kürzlich begegneten. Sie „erkannten“ mich, indem sie mich abcheckten – und mit ihren vorhandenen Informationen über Menschen verglichen. Kleine Kinder tun das übrigens auch.

Unser Hund Felix konnte bärtige und uniformierte Menschen absolut nicht leiden. Über die hatte er ganz offensichtlich extrem schlechte Informationen gespeichert, die er sein Leben lang nicht aufgeben konnte – so wie manche Menschen ihre Kindheitserinnerungen immer noch wie eine gefärbte Brille auf der Nase haben, durch die sie die Welt betrachten.

Die signalverarbeitenden Neuronen im Kortex können nicht direkt auf die Außenwelt zugreifen, daher müssen sie eingehende Information mit etwas anderem abgleichen – sie sozusagen „erden“. Doch was, wenn diese inneren Informationen unzutreffend sind? Dann entsteht erst einmal Verwirrung, man ist regelrecht desorientiert, kennt sich nicht mehr aus in der Welt.

In einer solchen Situation hilft nur eines: Bedingungslose Neugier. Neugierige Menschen wagen es, den Status Quo in Frage zu stellen, weil sie ständig Dinge beobachten, Fragen stellen und lernen. Sie scheinen die Fähigkeit zu haben, zu entdecken, zu verändern und zu erschaffen. Infolgedessen betreten sie oft unbekannte Gebiete – für sich und die Welt.

Und deswegen werde ich mich nicht davon abhalten lassen, die Dinge, die ich zu wissen denke, immer wieder zu hinterfragen. Dazu brauche ich Aufmerksamkeit und innere Stärke. Es bedeutet auch, die kleinen, scheinbar unbedeutenden Details zu beachten und dabei das Eigentliche im Hinterkopf zu behalten.

Die Welt erforschen heißt für mich, mich zu erforschen. Wie sagt doch Jiddu Krishnamurti? „You are the world!“ Erkenne ich mich, erkenne ich auch die Welt. Erkenne ich die Welt, erkenne ich mich. Wobei die zweite Variante eine echte Herausforderung ist, schließt es doch das Negative ein, das ich bei der ersten Variante liebend gerne ausblende. Es gehört jedoch noch etwas anderes dazu.

Ich muss mich selbst wie auch die Menschen wirklich zu verstehen lernen, jedoch ohne einverstanden zu sein, wenn es sich um etwas handelt, was nicht sein darf und nicht sein soll. „Born to be wild.“ wird erst dann zu einer stimmigen Lebenshaltung für mich, wenn ich verstehe, aber nicht unbedingt einverstanden bin, denn dann würde ich in die Rechtfertigung abdriften. „Weil ich eben so bin“, diesen Satz gibt es dann nicht mehr.

Das bedeutet, dass wirkliche Neugier am Leben sowohl Konfrontation wie Verständnis und auch Konsequenz bedarf.