Neudefinition

Die moderne Wissenschaft sagt uns ganz klar, dass wir viele Begriffe neu definieren müssen. Etwa, was es bedeutet, „bewusst“ zu sein. Irgendwie ist es ganz anders, als gedacht.

Ist mir nichts bewusst, ist (für mich) alles ok. Klingt komisch, im Grunde falsch, ist aber so. Neurowissenschaftler sind sich mittlerweile darüber einig, dass unser Gehirn ganz anders funktioniert als gedacht. Eigentlich müsste ich sagen, dass die Vorgänge in unserem Gehirn unseren bisherigen Be- und Umschreibungen tatsächlich nicht entsprechen.

Das Thema beschäftigt mich schon lange. Seit ich Motorrad fahre ist mir klar, dass ich – in unserem gewohnten Sprachverständnis – am bewusstesten fahre, wenn ich nicht bewusst bin und perfekt reagiere, wenn ich nicht denke. Erfreulicherweise kommen mir jetzt die Neurowissenschaftler zu Hilfe. Die haben nämlich festgestellt, dass das Gehirn, also unser Geist, schnell und vor allem automatisch Entscheidungen trifft. Benjamin Libet war einer der ersten, der das erkannte. Nur hatte er Probleme damit, das zu verstehen und damit auch, es zu erklären.

Es wird als ein grundlegendes Problem empfunden, wenn man nicht erklären kann, warum etwas so ist, wie man es festgestellt hat. Mir geht das immer so, wenn ich jemandem die Funktionsweise der systemischen Aufstellungen erklären soll. Andererseits ist das, was man nicht erklären kann, leider auch eine Fundgrube für esoterisch bemäntelte Fantasten, die nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun hat.

Zugegeben, ein schwieriges Feld. Darum glaube ich nichts, was ich keinem Realitätscheck unterziehen kann; etwa das uns Marsmännchen beherrschen würden. Was nicht bedeutet, dass ich unerklärliche Dinge nicht grundsätzlich für möglich halte – und eben zu verifizieren suche.

Aber zurück. Nach dem Verständnis des „predictive mind“ werden mir Dinge erst dann bewusst, wenn die impliziten Erwartungen und Annahmen des Gehirns nicht ausreichen, um das Thema ordentlich zu klären und zu bearbeiten, es also nicht wirklich weiß, was zu tun ist. Das bedeutet auch, dass explizites Wissen von meinem Gehirn immer als im negativen Sinn bedenkenswert angesehen wird, es mir also bewusst machen will, dass es damit nicht umgehen kann. Nichts da, woran es sich orientieren könnte, was es kennen würde.

Also wendet es sich schnell ab, damit es sich wieder in sicheren Bereichen weiß. Wahrscheinlich schaltet es dann den Smalltalk-Modus an: Nicht wirklich von Bedeutung, interessiert niemanden, nur bla bla. Interessant ist ja, was das mit Flow zu tun hat. Denn was da beschrieben wird ist genau das, was wir auch im Flow erleben: Kein Gedanke, nichts ist im Bewusstsein, wir „funktionieren“.

Es ist ja hinlänglich bekannt, dass es vielen sehr schwer fällt sich auf Gedanken einzulassen, die noch nicht verinnerlicht wurden. Das kann ja regelrecht Aggressionen auslösen. Nur kann man daraus auch einen Flow machen, indem man sich die Herausforderung anzunehmen zum Ziel gemacht hat. Der Flowzustand braucht gerade die Herausforderung.

Schiebe ich solche Beschäftigungen gerne auf, dann kann ich ja den Spieß umdrehen und das Aufschieben aufschieben. Und das bringt mich in einen Flow. Deswegen geht es mir auch immer gut, wenn ich den inneren Schweinehund mal wieder austricksen konnte.

Also fange ich an, Begriffe wie Denken, Bewusstsein und auch Handeln wie Ch’an-Menschen zu denken: Denken durch NichtDenken, Bewusstsein durch NichtBewusstsein, Handeln durch NichtHandeln.