Miteinander reden

Was wissen wir eigentlich voneinander? Also wirklich, nicht nur vordergründig? Zu dieser Frage kam ich, als ich einen Artikel über Wissenschaftsfeindlichkeit und politischer Ausrichtung gelesen hatte.

Dabei ist mir aufgefallen, dass ich über die Mehrheit der Menschen im mittleren Westen der USA, wo Wissenschaftsfeindlichkeit und rechtsorientierte Haltung angeblich ein Stelldichein feiern, nichts wirklich weiß. Wie auch? Ich habe noch nie einen Menschen von dort gesprochen, geschweige denn kennengelernt.

Und weiß ich, ob die Menschen in Japan wirklich anders denken? Und was hat das mit der jeweiligen Lebensumwelt zu tun? Im nächsten (Gedanken-) Schritt stellte ich mir die Frage, was ich wirklich über meine Nachbarn und Bekannten weiß. Ich weiß zwar, welche Berufe sie haben und was für ein Auto sie fahren oder eben keines, aber kenne ich sie wirklich? Weiß ich, was sie im Innersten denken?

Was bewegt die Menschen? Was denken sie, etwa wenn sie gendergerecht mit * kommunizieren, was ich nicht nur für einen sprachlichen Unfug halte, sondern mich auch fragen lässt, was da in den Köpfen vorgeht? Oder ist da etwas ganz anderes am Werk?

Ich lebe – und dazu stehe ich – in zwei Welten. Da ist einmal die Welt, in der ich lebe, wenn ich etwas tue, das mich, sagen wir, ergreift. Beim Kochen geschieht es manchmal, oft auch, wenn ich jemandem etwas darzulegen suche und vor allem, wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin. Situationen, in denen ich (im üblichen Verständnis) nicht mehr denke, sondern intuitiv agiere.

Das ist die eine Welt, die andere Welt ist, in der ich mich mit gendergerechter Sprache auseinandersetze. Wo ich mir auf die Zunge beißen muss, weil ich ja nicht weiß, ob ich sagen darf, dass ich gerne mal wieder einen Mohrenkopf essen würde. Wobei ich eingestehe, dass ich keine wirkliche Vorstellung von einem menschlichen Mohrenkopf habe.

Ich assoziiere damit kein inneres Bild eines Menschen, sondern ein leckeres Schaumgebäck mit Schokolade. Meine Sprache ist nicht rassistisch oder sonst was; wenn dann ist es meine Haltung, die ich damit zum Ausdruck bringe. Oder glauben Sie, ich denke über unseren ehemaligen Nachbarn anders, wenn ich nicht „unser Schwarzer“, sondern dunkelhäutiger Amerikaner (nein, ich meine nicht das Gebäck) sage? Obwohl, schwarz darf man ja sagen, aber nicht farbig.

Das kommt davon, wenn man das Problem nicht an der Wurzel packt. Ein Beispiel: Das ist etwa so, als glaubten die Menschen, wenn keine Symbole aus dem Dritten Reich mehr verwendet würden, dass es dann auch keinen Rechtsradikalismus mehr gäbe. Oder wenn man eine Partei wie die AfD verbietet, dass damit das Problem des Rechtsradikalismus gelöst wäre. Schwachsinn.

Und dieser Schwachsinn entsteht, wenn wir nicht miteinander reden, wirklich miteinander reden, sondern lieber unsere Meinungen über den anderen kultivieren. Aber das macht andererseits Sinn, über andere zu urteilen und sie zu bewerten. Selbst fühltet man sich dann gleich viel mächtiger und kann die eigene Unsicherheit bis hin zu den eigenen Ängsten besser überspielen.