Metaphysik versus Wissenschaft

Kann man die Welt im Kleinsten aus rein wissenschaftlicher Sicht betrachten? Das war um die 1900 ein echter Streitpunkt in der Welt der Physik. Die Experten für den Aufbau und die Zusammensetzung der Materie wussten damals nicht einmal zu sagen, ob Atome dazugehören, ob es diese unsichtbar bleibenden Elementargebilde Atome wirklich und überhaupt gibt.

Unter führenden Forschern tobte ein erbitterter Streit über die Frage, ob Atome der spekulativen Metaphysik zuzurechnen seien oder sich von einer empirischen Wissenschaft erforschen lassen würden. Der Philosoph und Physiker Ernst Mach, der keine Physik über hypothetische Gegenstände akzeptieren wollte, die man weder sehen noch zu fassen bekommen konnte, wehrte sich heftig dagegen, dass man die Welt des Kleinsten rein wissenschaftlich betrachten könnte.

Es bedurfte einiger Standfestigkeit und Sicherheit in der physikalischen Argumentation, um gegen Machs energische Polemik den atomaren Standpunkt zu vertreten. Da sollte unser Dank vor allem auch Max Planck gelten, der sich einfach nicht beirren lies und seiner Intuition folgte. (Das lässt sich in dem Buch von Ernst Peter Fischer „Die Stunde der Physiker“ nachlesen.)

Ich kann das total nachvollziehen, für mich war diese Welt des nicht Greifbaren so verrückt, dass ich dann doch lieber von der Physik zu den Juristen wechselte. Und viele Physiker der heutigen Zeit blenden noch immer die grundsätzlichen Fragen einfach aus, die die Quantenmechanik aufwirft. Schon verrückt, sie arbeiten zwar mit diesem Wissen, sie beziehen es aber nicht auf das eigene Leben.

Aber auch die damaligen Physiker waren sich absolut uneins. Im Denken von Heisenberg und Bohr hatte sich die Erkenntnis durchgesetzt, dass ein Physiker entweder die Energie eines Systems oder den dazugehörigen Zeitpunkt genau ermitteln konnte, an dem es darüber verfügt, aber nicht beides gemeinsam, weil mit diesem Paar eine Unbestimmtheit verbunden ist, die eine geeignete Betrachtung offenbaren konnte.

Einstein fand das unsinnig und falsch und konstruierte zum Beweis seiner Ansicht (in Gedanken) einen Kasten voller Lichtenergie, der an einer Feder hing und an seiner Vorderseite mit einer Klappe ausgerüstet war, die sich öffnen ließ (Siehe Abbildung). Wenn diese Klappe nun zu einem festgesetzten Zeitpunkt geöffnet wurde und Lichtenergie entkam, änderte sich das Gewicht des Kastens, was durch eine kleine Verschiebung der Federposition angezeigt wurde, die sich unmittelbar ablesen ließ.

Einstein meinte, dass man in dieser Anordnung sowohl die Energie des Systems als auch die Zeit, zu der es über diese Energie verfügt, genau messen kann, was jedes weitere Gerede von einer Unbestimmtheit oder Unschärfe hinfällig mache. Er sprach’s vergnügt und ließ Bohr und seine Freunde ratlos zurück.

Doch die schlugen ihn mit seinen eigenen Erkenntnissen. Einsteins großer Einsicht aus den Jahren des Ersten Weltkriegs zufolge vergeht die Zeit nämlich nicht gleichmäßig oder absolut. Sie vergeht vielmehr relativ und wird langsamer, wenn die Energie der Uhr zunimmt, die sie anzeigt. (Das steht alles in dem Buch von Ernst Peter Fischer.)

Zeit ist eben nicht linear und auch nicht das, was man an einer Uhr ablesen kann. Doch was bedeutet das jetzt für mich oder Sie? Kinder erleben Zeit als etwas sehr Flexibles, was zu heftigen Diskussionen über „Pünktlichkeit“ führen kann. Erwachsene gehen – anders als Kinder – davon aus, dass die Zeit das ist, was man an der Uhr ablesen kann. Was aber nicht stimmt, auch wenn ein Erwachsener es so erleben mag.

Ein klassischer Fall für eine Prä-Trans-Verwechslung, wie sie Ken Wilber beschrieben hat. Kinder erleben Zeit so wie sie ist – flexibel, dehnbar. Erwachsene normalerweise als linear. Sie erleben die Zeit nicht mehr, sondern messen sie. Das ist einmal die prä-personale Sichtweise und einmal die personale. Also einmal intuitiv und einmal – erst einmal – logisch. Die trans-personale Sichtweise jedoch zieht beide Sichtweisen zusammen. Sie geht davon aus, dass man mit einem linearen Zeitverständnis pünktlich zum ausgemachten Zeitpunkt erscheinen wird, sie leugnet aber nicht, dass Zeit sehr flexibel ist und wohl auch Zeitreisen möglich sind. Was mittlerweile für mich logisch ist,

Für mich bedeutet das, dass sich Metaphysik und Wissenschaft nicht widersprechen, ich mich dieser Tatsache vielmehr stellen sollte, will ich mein Leben wirklich verstehen können. Für mich ist es nachvollziehbar, dass mein Verständnis vom Leben und meiner Existenz auch etwas mit meinem Zeitverständnis zu tun hat. Wie aber lebe ich, wenn ich mein Leben – in diesem Fall die Zeit –  nicht wirklich verstehe?

Für mich heißt das, dass Wissenschaft und Metaphysik kein Widerspruch sein können, sondern beide notwendig sind, um die Welt – und mich selbst – zu verstehen.