„Mein“ Selbst – nur ein Phänomen?

Als Phänomen wird etwas bezeichnet, das wahrnehmbar ist. In der Erkenntnistheorie wird eine mit den Sinnen wahrnehmbare, abgrenzbare Einheit des Erlebens so bezeichnet, beispielsweise ein Ereignis, ein Gegenstand oder eine Naturerscheinung.

Wie etwa ein Regenbogen, der auch nicht aus sich selbst heraus existiert, sondern für mich nur dann zu sehen ist, wenn bestimmte Dinge in einem Prozess zusammenkommen, wobei auch ich als Wahrnehmender dazu kommen muss – sonst gibt es keinen Regenbogen, der Prozess bliebe unvollständig.

Der Regenbogen existiert nicht aus sich selbst heraus, sondern er tritt nur dann in Erscheinung, wenn der Prozess vollständig ist. Ich bin mit meiner Wahrnehmung ein notwendiges Teil dieses Prozesses. Einem Phänomen geht ein Prozess voraus; doch meist wird nur das Phänomen registriert, aber nicht der Prozess, der es letztlich realisiert hat. Zu diesem Prozess gehört, dass er überhaupt wahrgenommen wird, was oft vergessen wird; ein Phänomen ‚braucht‘ die Wahrnehmung.

Was ich nicht wahrnehme, kann mir auch nicht bewusst sein. Eine wirkliche falle, denn alles, was ich verdränge kann oder will ich nicht wahrnehmen. Sonst würde ich es ja nicht verdrängen.

Interessant ist, dass  etwa eine Beleidigung auch nicht aus sich selbst heraus existiert. Es ist gleichfalls win Prozess. Wird der nicht wahrgenommen, existiert sie nur in dem Kopf des Beleidigenden und in seinen Synapsen und Zellen. Da ist die Beleidigung materiell existent, aber nur dort.

Damit eine Beleidigung bei mir „ankommt“, braucht sie einen Empfänger in mir, etwas, was damit in Resonanz geht: Ein Selbst. Doch dieses Selbst ist allein das Ergebnis meiner Vorstellung, wozu in diesem Fall auch meine gedachte Integrität gehört.

Integrität ist meine ethische Forderung nach der Unverletzlichkeit meiner Vorstellungen über mich selbst, meinen Ideale und Werte und wie die tatsächlich zu respektiert sind – in meiner Vorstellung. Was letztlich erst die Beleidigung zur Beleidigung macht. Wenn jemand behauptet, ich sei arrogant, dann empfinde ich das nur dann als Beleidigung, wenn dieses Bild von mir, das dadurch gezeichnet wird, meinem eigenen Selbstbild, meiner Vorstellung von mir selbst entgegensteht.

Ich kann also nur beleidigt werden, wenn ich ein Selbstbild habe, das mit der Beleidigung angegriffen werden kann. Habe ich kein solches Selbstbild, werde ich interessiert fragen, wieso der andere das über mich denkt und prüfen, was davon zutrifft. Ich bin also nicht festgelegt auf einen bestimmten ‚Typ‘, sondern bewege mich in der Leere oder Kohärenz. Die Frage ist im konkreten Fall, ob ich mich  im Vorfeld für eine spezifisches Selbstbild entschieden habe – oder offen bleibe, mich also nicht eindeutig definiere,  nicht festgelegt bin.

Das wirft die interessante Frage auf, was Ethik ist. Ist Ethik nicht mehr als ein gedanklicher Gegenspieler zu meinem von mir selbst angenommenen und eher negativ konnotierten Persönlichkeitsbild? Das würde bedeuten, dass ich Ethik nicht mehr als Gegenpol brauche, sobald ich bin, wie ich sein will? Jedenfalls verstehe ich so den Gedanken von Lao Tse, dass das Schöne das Hässliche hervorbringt – und umgekehrt.

Sehe ich mein Verhalten als falsch an, entsteht im selben Augenblick das Bild von dem, was richtig wäre: Der ethische Gegenspieler. Doch das bedeutet nicht, dass ich mir über Ethik keine Gedanken machen müsste, wenn ich da bin, wo ich sein will, wenn also meine Prozesse von keinem unzutreffenden Gedanken und Vorstellungen mehr beeinflusst werden.

Was ich tue, halte ich in dem Moment , in dem ich es tue, immer für korrekt. Als inkorrekt stellt es sich nur hinterher in der Reflexion heraus. Dafür brauche ich ein ethisches Grundgerüst. Woran sonst sollte ich mich reflektieren? Mich an Vorstellungen oder Vorgaben anderer zu „reflektieren“ ist sicherlich nicht hilfreich, es sei denn, ich will anderen Macht über mich geben. Das betrifft auch die eigenen Eltern, auch sie sind keine Götter.