Kultur

Bin ich mir „meiner“ Kultur überhaupt bewusst? Kultur bezeichnet im weitesten Sinne alle Erscheinungsformen menschlichen Daseins, die auf bestimmten Wertvorstellungen und erlernten Verhaltensweisen beruhen und die sich wiederum in der dauerhaften Erzeugung und Erhaltung von Werten ausdrücken – als Gegenbegriff zu der nicht vom Menschen geschaffenen und nicht veränderten Natur. So ist es in Wikipedia nachzulesen.

Das Entscheidende ist dabei der Gegensatz zu der nicht vom Menschen geschaffenen und nicht veränderten Natur. Was ja ein Widerspruch in sich ist, ist doch der Mensch selbst Ausdruck der Natur. Es gibt keine unnatürlichen Prozesse, das ist nur ein gedankliches Konstrukt.

Andererseits kann der Mensch etwas, was die anderen Lebewesen nur sehr, sehr eingeschränkt können, er kann sich nämlich „seine“ Regeln, nach denen er leben will, selbst geben. Das ist unbestreitbar so. Und das tun wir auch, nur eben selten bewusst. Darin wiederum liegt – für mich, in meinem Verständnis – die Aufforderung, „meine“ Regeln so zu definieren, dass sie im Einklang mit den Gesetzmäßigkeiten der Natur sind und ihnen nicht widersprechen.

Fakt ist also, dass wir Menschen uns in vielerlei Hinsicht unsere Regeln selbst geben. Das setzt natürlich voraus, dass wir auch wissen, wie wir funktionieren. Was wir aber vielfach nicht tun! So bin ich früher davon ausgegangen, dass ich mich selbst bewusst unter Kontrolle hätte. Bis ich einmal durch einen italienischen Tunnel gedüst bin und mir schlagartig bewusst wurde, dass ich nichts unter bewusster Kontrolle habe.

Versuche ich mir zum Beispiel früh bewusst kontrolliert die Unterhosen anzuziehen, aber ohne hinzuschauen, dann gelingt mir das sicher nicht. Versuche ich es einmal nicht bewusst, dann gelingt es mir. Klassischer Fall von Flow. Oder die Tastatur. Ich kann ja nur mit einem Sechs-Finger-System schreiben. Werde ich dabei unsicher werde und die Eingaben zu kontrollieren suche, mich also frage, wo die Taste für das Komma ist, dann treffe ich die mit hoher Wahrscheinlichkeit gerade nicht. Wenn ich aber auf die Tasten schaue, merke ich nicht, wenn ich Fehler mache.

Lasse ich mich jedoch darauf ein und schaue nicht hin, sondern auf den Bildschirm, und lasse mein sogenanntes Unterbewusstsein die Tasten blind finden, dann gelingt das mit der Zeit immer besser – ich muss mich nur am Anfang regelrecht zwingen, nicht hinzuschauen. Man nennt das neudeutsch Propriozeption.

Fakt ist also, dass ich in der Propriozeption und damit im Flow optimal „funktioniere“ – ansonsten aber nur suboptimal. Das bedeutet, dass ich das, was ich zur Grundlage, zur Basis „meiner“ Kultur machen will, nicht nur wissen darf, sondern wieder vergessen haben muss. Ich muss es implizit wissen. Kontrolle aber setzt explizites Wissen voraus. Was ich explizit weiß, kann ich zwar kontrollieren, aber nicht gut anwenden, es ist immer „gestelzt“, „aufgesetzt“. Implizites Wissen aber ist in der Regel kaum darstellbar.

Ich spreche zum Beispiel ziemlich korrekt. Kann aber keine Grammatikregeln. Das ist ein typisches Beispiel für implizites Wissen. Erst braucht man Regeln, doch dann muss man sie wieder vergessen können. Wie beim Autofahren. „Meine“ Kultur ist also bedingt durch mein implizites – und nicht mein explizites – Wissen, meine Bereitschaft, mich in der Propriozeption und im Flow zu bewegen.

Das alles betrifft die Umsetzung meiner Regeln. Regeln und Umsetzung machen zusammen meine Kultur aus. Also ist die spannende Frage: Was sind meine Regeln? Worauf habe ich (!) meine Kultur aufgebaut? Das bedeutet: Will ich meine Kultur anders gestalten, muss ich bereit sein, diese Regeln wie ein Kind zu verinnerlichen. Und genau daran hapert es für uns Erwachsene oft, dieses Sich-Einlassen und sich auch einmal auf etwas hinweisen zu lassen, wenn man falsch liegt.

Mit anderen Worten: Ich muss mich zu meiner angestrebten Kultur selbst erziehen.