Konvention

Es gibt kein richtiges Leben im falschen. Der berühmte Satz von Adorno aus der Minima Moralia. Adorno spekulierte darüber, ob der Mensch überhaupt noch in der Lage wäre, in einer richtigen Welt zu bestehen: „Wahrscheinlich wäre für jeden Bürger der falschen Welt eine richtige unerträglich, er wäre zu beschädigt für sie.“ (Negative Dialektik, S. 345).

Für diesen Text möchte ich mir diesen Gedanken einmal ausleihen und etwas modifizieren, etwa so: Es gibt nichts Richtiges im Falschen. Ich hoffe, Adorno ist mir darüber nicht gram. Ich verwende diese Formulierung, um die Bedeutung klar zu machen, die Konvention für mich hat. Erst einmal: Was verstehe ich unter Konvention? Mit der Formulierung dieser Frage fängt es nämlich an. Spontan wollte ich schreiben, was ist Konvention, doch ich bemerkte den Fehler noch rechtzeitig.

Konvention als etwas real und eigenständig Existierendes gibt es nämlich nicht. Also kein was ist Konvention. Es ist nur eine Beschreibung für ein spezifisches menschliches Verhalten. So gesehen gibt es auch nichts Richtiges und auch nichts Falsches, sondern allein richtiges oder falsches Verhalten, wobei das, man merkt es schnell, auf die Perspektive ankommt. Der Eingangsgedanke wäre dann umzuformulieren in die Frage, ob ich mich gleichzeitig richtig oder falsch verhalten kann. Das kann ich so wenig, wie ich gleichzeitig nach rechts und auch nach links fahren kann. Richtiges und falsches Verhalten sind ein klares Entweder-Oder.

Da fällt mir sofort die Frage ein, ob das nicht zu mechanisch gedacht ist. Aber ich glaube, dass ist es nicht, denn Komplexität beschreibt einen Zustand, der nicht definierbar ist, weil er nicht wahrnehmbar ist, er kann nur umschrieben, nicht einmal beschrieben werden. Es ist der offene Raum der Überlegung, bevor ich mich für rechts oder links entscheiden habe. Nur, dass ich in diesem Raum nicht im normalen Verständnis überlege, denn mir sind keine Gedanken bewusst. Aber als jemand, der schon einmal in einem Flow war, weiß ich, dass es diesen Raum des Denkens gibt, in dem ich scheinbar keine Gedanken habe. Natürlich kann ich hin und her überlegen, doch die Entscheidung treffe ich jenseits der Überlegung. Denken durch NichtDenken eben. Das Komische (oder Witzige?) ist, dass wir uns permanent in solchen Räumen bewegen, nur wir sind uns dessen sehr selten bewusst. Genau genommen sind wir uns dessen meistens überhaupt nicht bewusst.

Selbst wenn Menschen in einem Flow-Zustand sind, registrieren sie das nicht als solchen. Was auch unmöglich ist, denn im Flow denken wir ja gerade nicht darüber nach, was wir tun. Aber wir könn(t)en es uns hinterher bewusst machen. Dummerweise stehen wir uns durch diese Unbewusstheit immer wieder selbst im Weg, nämlich dadurch, dass wir uns Gedanken machen und lieber denen folgen, als unser Denken einfach einmal machen lassen würden. Warum aber ist das so? Weil wir einfach die Kontrolle haben wollen. Nur wissen leider nur die wenigsten, dass man genau dadurch das verliert, die man haben kann. Denn auch ‚Kontrolle‘ existiert tatsächlich nicht. Es gibt kontrolliertes Verhalten, aber eben keine Kontrolle. Ich kann es also nicht wollen, nur selbst (!!) tun. Was Schrödinger für die Naturgesetze festgestellt hat, gilt auch für das Leben überhaupt: Es kann immer nur beschrieben werden, nicht mehr. Absolut keine Definition möglich!

Eine Tatsache, die viele Menschen verunsichert. Nichts soll mehr definiert sein? Was ist dann überhaupt sicher? Woran soll man sich dann halten können? Eines ist jedoch absolut sicher: Es ist allein das eigene Verhalten und natürlich auch das der anderen, auf das es ankommt. Das kann man, wie im Straßenverkehr, durch Gebote regeln – sofern sich alle daran halten. Wenn sie das nicht tun, dann versucht man dem durch Verbote entgegenzuwirken, natürlich strafbewehrt, sonst nutzen sei ja nichts. Es fehlt einfach das gemeinsame Kommitment. Kein Konsens. So wie es mich immer wieder erschreckt, wieviele Menschen Artikel 1 Satz 1 des Grundgesetzes „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ für „verhandelbar“ ansehen. Es beginnt schon damit, was allzu gedankenlos als „Würde“ angesehen wird.

Überdeutlich würde das durch die nach der Filmaufführung „Terror – Ihr Urteil“ durchgeführte Befragung. Das Resultat war in etwa 60:40 für einen Freispruch des Kampfpiloten. Die Abstimmung, die nach dem Fernsehfilm gemacht wurde, zeigte einen 87%igen Freispruch. Diese 87% sind immerhin gemäß Einschaltquoten ein absolut 20%iger Anteil aller Bürger Deutschlands. Zwanzig Prozent aller Bürger würden also ein moralisches Urteil fällen, obwohl es nach unserem Gesetz eindeutig ein Mord an Hunderten von Menschen war. Mit anderen Worten: Es gibt nicht einmal mehr ein wirkliches Kommitment über Art. 1 Satz 1 des GG.

Neben den kodierten Regeln unseres Rechtssystems gibt es jedoch weitere ungeschrieben Regeln, die in gesellschaftlichen Gruppen gelten und die wir von klein auf eingetrichtert bekommen. Früher war das wesentlich rigoroser, etwa dass eine Dienstmagd nichts gegen die „Herrschaft“ sagen durfte, auch wenn die sie sexuell belästigt hatte. Konventionen definieren die erwünschte Verhaltensweisen in einer sozialen Situation und geben Verhaltensregeln vor. Konventionen sind Teil der Kultur der Gesellschaft und mit der gesellschaftlichen Entwicklung wandelbar. Wenn wir uns heute über die früheren Verhältnisse mokieren, sollten wir nicht übersehen, dass solche Konventionen auch heute noch gang und gäbe sind.

Das Dumme ist nur, wenn etwas der Konvention entspricht, bedeutet das keineswegs, dass es auch korrekt wäre, sich entsprechend zu verhalten. Nur weshalb halten sich dann soviel an Konventionen, obwohl sie möglicherweise wissen, dass die Regeln nicht wirklichkeitskonform sind? Die Erklärung ist einfach: Konventionen schaffen Regeln, wo es keine gibt und auch keine notwendig sind. Und damit wird vieles wieder kontrollierbar, jedoch zu einen hohen Preis: Den Verzicht auf wirkliche Klarheit, Offenheit und Ehrlichkeit. Satt dessen wird nur so getan, als interessiere man sich für Klarheit, Offenheit und Ehrlichkeit. Man tun nur so, als wäre alles in Ordnung, auch wenn es das tatsächlich nicht ist.

Damit schließt sich der Kreis. In der Konvention, dem Falschen, kann es einfach kein korrektes Verhalten geben. Ich bemerke das immer wieder, wenn in Diskussionen ein Schwall an emotionalen Argumenten auf einen einprasseln. Doch manchmal gelingt es, dass man den anderen zum Nachdenken bringt, einfach weil man bei den Fakten bleibt und sich nicht ablenken lässt. Was aber nicht so einfach ist. Aus diesem Grund sollte und will ich mich wirklich immer von konventionellem Gerede distanzieren. Eine der Schwierigkeiten bei den „normalen“ Gesprächen ist ja, dass einem sehr oft einfach die erforderlichen Informationen fehlen. Wir sind gerade mit vielen hoch komplexen Themen konfrontiert, doch was können wir überhaupt fundiert beurteilen? Kaum etwas, jedenfalls dann, wenn wir ehrlich uns selbst gegenüber sind. Ich beschäftige mich ziemlich ausschließlich mit der Frage, wie ich denke.

Will ich aber über Dinge reden, was ich eigentlich nur könnte, wenn ich Experte wäre, bediene ich mich der Konvention, halte mich also in Gesprächen an die stillschweigend vereinbarten „Sprachregeln“ meiner sozialen Gruppe, damit ich mitreden kann – was ich ja aber nicht kann. In der Regel bedeutet das auf den Verzicht an Komplexität. Komplexe Sachverhalt werden auf lineare Strukturen reduziert, damit man darüber reden kann. Nur bedeutet das noch lange nicht, dass ich auch den Ausweg aus solchen unzutreffenden Vorstellungen kennen würde. Ich bilde mir zwar ein zu wissen, wo das Problem steckt, doch ich habe keinen Schimmer, wie man das ändern kann. Nur Ahnungen, mehr nicht. Und genau diese Ahnungen darf ich nicht durch Konvention zuschütten. Das ist nämlich das grundsätzliche Problem der Konvention.

Handele ich gemäß den Regeln der Konvention, lege ich meine Selbstorganisationskräfte schlichtweg lahm. Ganz einfach, weil die notwendige Reflexion ausbleibt. Und zu diskutieren ist definitiv keine Reflexion! Was leider oft nicht gesehen wird. Und genau das will ich nicht. Darum muss ich wach, aufmerksam und kritisch bleiben, vor allem mir selbst gegenüber.