Konvention und ihr Preis

In der Konvention ist der Mensch gespalten. Da ist zum einen die Übereinstimmung mit der Wertewelt der Gesellschaft, zum anderen seine innere Unterwelt, dem Verdrängten und den unterdrückten inneren Impulsen. Was nicht dahingehend verstanden werden darf, dass der Einzelne damit allein stünde, oft teilen das viele mit ihm, nur „man“ spricht eben nicht darüber.

Wie oft ahnen wir, dass „etwas“ nicht stimmt, doch wir wissen nicht was – weil niemand bereit ist Klartext zu reden. Auch in meinem Leben gibt es Dinge, über die ich nicht mit jedem reden will. Heute frage ich mich, weshalb ich mich überhaupt in solche Situationen gebracht habe. Um Erfolg zu haben? Oder um mit der Menge mitzuschwimmen? Jedenfalls wollte ich immer ein Stückchen von der Macht abhaben.

Heute weiß ich, dass man durch faule Deals kein Stückchen Macht abbekommt. Immer nur etwas Faules. Manchmal frage ich mich, warum einem das niemand erklärt, dass, wenn man sich korrumpieren lässt, man sich nur selbst verbiegt. Was bleibt ist ein fauler Geschmack, nichts sonst.

Es ist wie bei der Alkoholsucht. Es fängt ganz klein an, wird größer und größer, bis einem am Ende das Nicht-Normale ganz normal vorkommt. Aber das macht es nicht besser, sondern schlimmer. Die Sucht taugt nur für spätere Ausreden, vor allem verdeckt sie das Eigentliche: Das Verdrängte und Unterdrückte. Daher sollten wir uns weniger mit Suchterkrankungen beschäftigen, sondern vor allem mit ihren wirklichen Ursachen. Und es gibt eine Menge Süchte, nicht nur sozial anerkannte, sondern gewünschte!

Der Konvention liegt ein unerschütterliches, weil sehr, sehr selten hinterfragtes Prinzip zugrunde. Die ganze Wirtschaft und unsere Kultur basiert darauf. Es ist das Prinzip, der Trennung und der Eigenständigkeit, basierend auf dem Verständnis der klassischen Physik. Zwar könnten wir dank der modernen Physik schon lange wissen, dass das nicht stimmt, doch wir sind scheinbar noch nicht wirklich bereit, die Welt anders zu sehen und vor allem anders zu denken.

Durch dieses Grundprinzip ist der Kampf zwischen Gut und Böse, Licht und Finsternis zu einem grundsätzlichen Thema geworden. Natürlich auch das ominöse ‚Ich’, das eigene Selbstverständnis. Dabei wird so getan, als sei das unvermeidlich. Also von den allermeisten. Die Frage ist daher, ob wir es überhaupt überwinden können. Einfach lassen? Können wir das angesichts der Tatsache, dass ‚die anderen‘ es nicht tun? Da fängt es an knuffig zu werden, den ‚die anderen‘ gibt es ja überhaupt nicht, nur eine andere Perspektiven des Einen als die eigene.

Als Anwalt und Berater dachte ich immer, ich wüsste, wie Dinge zu händeln wären. Weil ich eben die Welt und vor allem die Menschen als getrennt wahrnahm; dabei macht es einen gewaltigen Unterschied, ob jemand anders ist als man selbst oder nur eine andere Perspektive einnimmt oder genommen hat. Mit jemandem, der das selbe sieht wie ich, nur eben anders, mit dem gehe ich anders um. Die Frage bleibt doch: Wer hat recht? Genau diese Frage lässt sich jedoch nicht beantworten.

Es gibt einfach nicht die Möglichkeit der Klärung, nur den dialogischen Austausch.