Komplexität

Nicht immer einfach, damit klarzukommen. Vor allem auch dann, wenn wir darüber sprechen wollen. Die Quantenmechanik erscheint (!) uns nur deshalb widersprüchlich, weil wir als Normalmenschen noch nicht Mathematik reden und denken können. Die Quantenmechanik lässt sich mathematisch widerspruchsfrei darstellen, aber nicht sprachlich erklären. Das ist das eigentliche Problem. Solange unsere Vorstellung von der Welt und damit von uns selbst an Sprache gebunden ist und bleibt, bestehen die Widersprüche weiter.

Im Ch’an wie in der Mystik hilft man sich durch andere, eben mystische Formulierungen. Manche verstehen dann nur Bahnhof, andere denken, sie würden den Sinn erfassen, können aber nicht wissen, ob sie ihn tatsächlich erfassen oder sich das nur einbilden. Ist ja auch ein Dilemma, wenn man durch die Blume reden und dafür die Welt der (vermeintlich) klar definierten Begriffe verlassen muss. Begriffe sind nur „vermeintlich“ klar definiert, da ein Begriff allein durch die gedankliche Reduktion der tatsächlich immer gegebenen Komplexität „Eindeutigkeit“ bekommt beziehungsweise hat.

Wenn ich in einer Sache keine Entscheidung treffen will und auch nicht muss, keine Meinung dazu habe und nicht nur aktuell nicht vertreten will, sondern einfach keine habe, dann kann ich auf jegliche Komplexität verzichten. Doch schon bei der fahrt von Forchheim nach Nürnberg wird es nicht komplizierter, sondern nur komplexer. Fahre ich mit der Bahn, dann kann ich, sobald ich im Zug sitze auf die Komplexität pfeifen und sie erst wieder registrieren, wenn ich in Nürnberg angekommen bin.

Das ist schon anders, wenn ich mit dem Auto fahre, denn sind auch auf der Fahrt viele komplexe Dinge zu beachten, vor allem damit zu rechnen, weil man bei komplexen Situationen ja nicht weiß, was passiert. Schon bewege ich mich in einem Feld von Wahrscheinlichkeiten. Kommt hinter dem Ball ein Kind hinterher? Und sieht mich der Fahrer des entgegenkommenden, nach links blinkenden PKWs, bevor er abbiegt? Wie ist die Distanz? Und die Geschwindigkeit?

Eine Ebene komplexer wird es scheinbar, wenn ich nicht mit dem Auto, sondern mit dem Motorrad fahre, denn da tragen viel mehr Dinge zu einer sichern Ankunft bei als beim Auto. Weshalb aber ist es nur scheinbar komplexer? Weil diese Komplexität systemimmanent ist und nicht mehr oder weniger werden kann. Was mehr oder weniger sein kann ist allein das eigene Bewusstsein und die Bewusstheit der Komplexität.

Motorradfahren ist eben anders komplex als die Fahrt mit dem Auto oder mit dem Zug. Nicht komplexer, sondern anders komplex. Das muss mit einmal bewusst sein und zum anderen sollte mir auch die aktuelle Situation bewusst sein, ich also aufmerksam sein. Das ist ähnlich wie implizites versus expliziten Wissens. Etwas zu wissen bedeutet eben nicht, es auch anzuwenden beziehungsweise anwenden zu können.

Komplexität ist also immer, nur haben wir sie bisher regelmäßig ausgeblendet. (Entschuldigung für die Verallgemeinerung.) Komplexität als solche existiert ja nicht, sondern Dinge (und auch Menschen) verhalten sich eben komplex. Tue ich nichts, ist nichts komplex. Tue ich etwas, ist es komplex, wobei auch sprechen dazu gehört. Dumm nur, dass die Struktur unserer Sprache Komplexität regelrecht ausblendet – genau wie Newtons Physik.

Ich glaube, Niels Bohr war es, der einmal sagte, man bräuchte eine komplexe Sprache. Worauf ihm seine Kollegen jedoch wiedersprachen und meinten, es ginge auch so. Ich bin mir nicht sicher wer jetzt recht hat, aber der Pragmatismus zwingt mich wohl dazu, es mit der ganz gewöhnlichen Sprache zu versuchen. Auf jeden Fall aber muss sich das Sprachverständnis ändern, beziehungsweise braucht es mehr Bewusstheit für die Sprache. Das bedingt ein anderes als das übliche Kommunikationsverhalten. Also keine Diskussionen, keine Dispute, keine Diskurse und auch keine Monologe mehr. Sondern Dialoge, wirkliche Dialoge.