Komplexität verstehen

Total einfach, ich muss mich nur selbst verstehen lernen. Das ist relativ einfach, jedenfalls dann, wenn ich auch die Regeln der Komplexität beherzige. Tue ich das nicht, sondern wende die Regeln der Mechanik an, dann wird es unvorhersehbar, eben weil ich die Regeln für komplizierte Systeme anwende.

Die Herausforderung ist zu erkennen, wann ein System „nur“ kompliziert und wann es komplex ist. Oft denken wir ja, wenn etwas herausfordernd und schwierig zu verstehen ist, sei es kompliziert. Doch das ist es oft nicht, einfach deshalb, weil wir die unzutreffenden Regeln anwenden. Wenn etwas hochkompliziert aussieht, wie etwa die Bewegungen eines Vogelschwarms, dann ist es das tatsächlich nicht, sondern eben nur komplex.

Für komplexe Systeme gilt, dass sie sich an einem Punkt dramatisch verändern. Das ist so schwierig zu erkennen, da es in solchen Systemen keine perfekte Vorhersagbarkeit gibt, nur offene Veränderung. Ein wesentliches Element für Komplexität ist die Vernetzung der Dinge. Sehe ich die nicht, sehe ich nicht, dass ich komplex denken muss.

Klimakatastrophe, Artensterben, Pandemien oder Terrorismus können wir nur meistern, wenn wir zu verstehen lernen, wie scheinbar getrennte Welten zusammenhängen, wenn wir also lernen, sie als großes Ganzes zu verstehen und vernetzt zu denken. Komplexitätsforscher denken daher Dinge zusammen, die auf den ersten Blick nichts verbindet.

Warum mich dieses Thema aktuell beschäftigt? Weil mich wieder einmal mein Blutdruck beschäftigt. Der ist nicht kompliziert, sondern eben komplex, das heißt, ist er zu hoch und bekomme ich das nicht geregelt, übersehe ich definitiv etwas. Womit beschäftige ich mich also gerade? Mit dem aktuellen Kriegsgerede (Russland Ukraine), wo ich immer denke ‚Leute, gebt doch Ruhe und redet endlich miteinander!‘. Oder ist es wieder das Thema Vergangenheit, das mich immer wieder beschäftigt? Oder was sonst?

Komplexität ist einfach, ich darf nur nichts übersehen. Das Paradebeispiel für ein komplexes System ist der Doppelpendel. Auch seine Bewegung wäre eigentlich theoretisch vorhersagbar, vorausgesetzt, ich könnte wirklich alle relevanten Faktoren messen. Doch bis ich die an einem Kipppunkt gemessen habe, ist das Pendel schon längst ganz woanders. Mit anderen Worten, ich kann es nicht feststellen, jedenfalls nicht mit den üblichen Methoden und Konzepten.

Bin ich dem also ausgeliefert? Nein, bin ich nicht, ich brauche nur anders heranzugehen. Erst einmal muss ich das „ich will“ ausschalten und es geschehen lassen, mich also darauf einlassen. Das Erfreuliche ist ja, dass komplexe Systeme nach ganz einfachen Regeln funktionieren, anders als komplizierte Systeme, in denen viele Dinge eine Rolle spielen. Wie gesagt, komplexe Systeme scheinen nur kompliziert, sind es aber nicht.

Das Elementare ist dummerweise, dass sie nicht berechenbar sind. Aber das ist nicht das Problem, ich muss mich nur darauf einlassen, denn als komplexes Lebewesen, was ich ja bin, kann ich damit umgehen, so wie ein Vogel in einem Vogelschwarm. Nur habe ich das überlernt.

Also versuche ich es einmal wie ein Vogel: Nicht kollidieren, mich nicht weit vom Kollektiv entfernen, in die gleiche Richtung fliegen wie die anderen und  dabei den Abstand zum unmittelbaren Nachbarn halten. Das sind offensichtlich die Bedingungen, die ich einhalten muss, will ich Selbstorganisation möglich machen.

Wenn das für Vögel gilt, gilt das vielleicht auch für mich als Mensch?