Ist das Leben ein Spiel?

Ja, sagen vor allem die Ch’an-Menschen. Etwa Alan Watts. Und ich denke das mittlerweile auch. Nur ist es eben so, dass, wie Watts sagt, die erste Regel ist, dass das kein Spiel ist. Ich kenne einige wenige Menschen, die das Leben noch richtig spielen können. Mit einem spiele ich öfters, mit Paul, der ist gerade fünf Jahre alt geworden.

Am besten sind die Spiele, die er sich selbst ausdenkt. Da gibt es keine Konfrontationen. Schwieriger wird es schon, wenn vordefinierte Dinge mit ins Spiel kommen, etwa Dinosaurier. Da kann es schon mal heftig zugehen. Ganz ernst wird es, wenn wir Karten spielen, Schwarzer Peter oder Uno. Da hört dann schnell der Spaß auf, wenn er verliert. Ich weiß noch, als Kind habe ich Spiele wie Monopoly regelrecht gehasst. Da waren mir meine Puppen tausendmal lieber.

Dass das Leben ein Spiel ist sagen die Ch’an-Menschen ja ganz im Ernst. Alan Watts habe ich ja schon genannt. Oder Hubert Benoît in „Die hohe Lehre – über den Sinn des Zen-Buddhismus.“ Aber kann das sein, bedenke ich, was es an Konflikten und Gewalt in der Welt, der Gesellschaft bis hin zu den Familien gibt? Nun ja, das kann wohl sein, nämlich dann, wenn man die Dinge falsch sieht. So wie Einstein das einmal gesagt hat. Der wird ja vielleicht doch ernst genommen, ist ja kein Mystiker. Obwohl, wenn man das liest, könnte man es fast glauben. Oder vielleicht wird es endlich Zeit, es zu glauben und davon auszugehen:

Ein Mensch ist Teil eines Ganzen, das wir Universum nennen, ein in Zeit und Raum begrenzter Teil. Er erfährt sich selbst, seine Gedanken, seine Gefühle als etwas vom Rest Getrenntes, eine Art optischer Täuschung des Bewusstseins.

Diese Täuschung ist eine Art Gefängnis für uns, sie beschränkt uns auf unsere persönlichen Wünsche und auf unsere Zuneigung gegenüber einigen wenigen, die uns am nächsten stehen.

Unsere Aufgabe muss es sein, uns aus diesem Gefängnis zu befreien, indem wir unseren Kreis der Leidenschaften ausdehnen, bis er alle lebenden Wesen und das Ganze der Natur in all ihrer Schönheit umfasst.

Das soll ich glauben? Angesichts dessen, was bei uns in Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1945 und auch heute immer noch passiert? Ist es nicht eher so, dass die Menschen, zumindest teilweise, richtig böse sein können, bis hin zur Grausamkeit? Ja, das ist so, das weiß ich aus eigener Erfahrung und eigenem Erleben.

Vielleicht hilft mir jedoch der Blick in die Natur weiter. Es gibt ja Tiere, die wir Menschen als richtige Spaßvögel erleben, Kraken beispielsweise. Aber auch Bonobos leben scheinbar recht spaßig. Als Jugendlicher muss ich ganz ähnlich gelebt haben, jedenfalls wenn ich an die Titel denke, die mir mein Bruder angehängt hat. Ist also nicht nur unser geschlechtliches, sondern unser gesamtes soziales Dasein nichts anderes als ein großes Rollenspiel, ein Theaterstück mit wechselnden Identitäten und Masken?

Genau das ist ja die Ansicht von Hubert Benoît: Wir sind Schauspieler, Autor, Regisseur und Bühnenbauer des Stücks, das wir Leben nennen. Alles in einem. Oder einer für alles. Was natürlich die Frage aufwirft, unterstellt es ist tatsächlich so, wie Einstein sagte (und der hatte ja mit vielen seiner Theorien recht, auch wenn er offensichtlich nicht immer weit genug gedacht hat), wie wir mit der Gewalt in der Welt umgehen sollen.

Die Antwort liegt wohl in mir selbst. Ich habe mir das Buch von Michaela Coel sofort bestellt, als ich dieses Zitat von ihr las: „Ich habe beschlossen, so viele Perspektiven wie möglich wahrzunehmen und mutig genug zu sein, meine Überzeugungen anzupassen und zu erkennen, dass ich nicht immer recht habe. Wie genial ist das: Erkennen, dass wir uns in einigen Dingen geirrt haben. Wie genial, um zu wachsen.“ Da wir nie wissen, was andere denken oder gedacht haben, sollten wir uns allein darum kümmern, was wir selbst denken.

Und genau so bin ich mit der extremsten Situation umgegangen, mit der mich mein Leben konfrontiert hat: Mein Vater war als Arzt ein Protagonist des NS-Systems. Er hat Menschenversuche organisiert und durchgeführt, gemeinsam vor allem mit Karl Brandt und Paul Rostock. Das war das Erbe, das er mir hinterließ, auch das meiner Mutter, denn sie dachte wie er. Nachdem ich mich (endlich) auf die Suche nach belastbaren Fakten begeben habe und mich nicht mehr mit Vermutungen begnügte, wurde aus der Schlammgrube sehr schnell eine Schlangengrube, voll mit Vipern und Kreuzottern. Keine Nattern.

Das waren die Fakten, die ich herausfand. Nur was war die Wahrheit, die Wahrheit über meinen Vater? Oder müsste ich von der Wahrheit meines Vaters sprechen? Ich weiß es ganz einfach nicht, denn er hat nie mit mir darüber gesprochen, nicht einmal eine Andeutung gemacht und darüber jetzt zu spekulieren, wo er schon lange gestorben ist, halte ich für anmaßend. Auch die Würde des Mörders ist unverletzlich, was jedoch nicht bedeutet, ihn in Schutz zu nehmen und sein Verhalten zu rechtfertigen.

Einfach die Fakten sehen, ohne sie zu bewerten oder über ihn zu urteilen. Sagt mir nicht auch die Gewaltfreie Kommunikation, ich soll beobachten, ohne zu bewerten? Das hat mir zu zwei Dingen geholfen: Einmal, die Opfer zu sehen. Um die geht es zu allererst, nicht um meinen Vater. Zum anderen hat mir das geholfen zu sehen, dass ich genau das, was er an Einstellungen und Überzeugungen hatte, von ihm gelernt und von ihm übernommen hatte. Man nennt das landläufig Erziehung.

Dazu eine Anmerkung aus dem Klappentext des Buchs „Die emotionale Konstruktion der Wirklichkeit“ von Rolf Arnold:Erwachsene denken, handeln und fühlen auf dem Untergrund ihrer psychodynamischen Matrizen, welche früh angebahnt, verdichtet und festgelegt werden. Diese Matrizen „kanalisieren“ ihre Erfahrungen und steuern ihre Orientierungen und Verhaltensweisen, da sie – systemisch konstruktivistisch gesprochen – nur zu „sehen“ vermögen, was sie zu „sehen“ vermögen.

Selbst da, wo ich dachte, ganz anders zu sein als er, tat ich letztlich doch das Gleiche, denn die Denkstrukturen, die innere Logik, war die Selbe. Mein Vater ist mir zu einem Spiegel meiner selbst geworden. Also tat ich, was Michaela Coel beschreibt: Ich setzte mich mit mir auseinander. Nicht mit ihm. Was mein Vater getan hat, darüber habe ich nicht zu urteilen. Ich muss es nur sehen.

Also höre ich auf, nach einer „Wahrheit“ zu suchen, die es ja nicht gibt. Die Wahrheit hat, wie Krishnamurti es formuliert, keine Kontinuität, sie hat keine Heimstatt, sie kann nur von Augenblick zu Augenblick erkannt werden. Sie ist immer neu, also zeitlos. Die Wahrheit von gestern ist nicht die Wahrheit von heute; was heute wahr ist, ist morgen nicht mehr wahr. Also stelle ich Fakten fest, aber ich beurteile und bewerte sie nicht, sondern sage klar, was ich tue und was nicht. Denn das ist von Bedeutung, nicht die Vergangenheit.

Wir Menschen wollen vielfach dem, was wir als Wahrheit erkannt zu haben glauben, Kontinuität verleihen. Nur so können wir die Wahrheit niemals erkennen, denn Wahrheit ist nur jetzt. Allein Fakten sind auch in der Vergangenheit Fakten. Mein Denken jedoch kann ich ändern. Meins. Das Denken eines anderen kann ich nur bewerten. Doch wozu? Damit ich mich besser fühle? Was habe ich dadurch gewonnen? Nichts, außer dass ich mich aufrege. Doch statt mich über Vergangenes aufzuregen, was nicht einmal ich selbst getan habe, bedenke ich, nach welchen Prinzipien ich heute denke. Denke ich wirklich so, wie es uns Einstein empfiehlt?

Da gibt es noch jede Menge zu tun. Ich war einmal mit einem Mann befreundet, sehr nett, gleich alt wie ich, mit einer verrückten politischen Vergangenheit, wir hatten gute Gespräche. Er zeigte mir die Synagogen hier bei uns, die ich noch nicht kannte – bis ich endlich begriff, dass er ein Anhänger der AFD ist. Gespräche darüber scheiterten, ich erreichte ihn nicht. Was mich viel mehr entsetzte, waren all die ganz normalen Freunde von mir, vor allem Frauen, die noch immer mit ihm befreundet sind. Warum? Er ist doch so nett und so lustig! Auch da bricht das Gespräch ab. Schwierig. Jedenfalls kommt man mit Argumenten nicht weiter.

Nur ist es vielleicht nicht „schwierig“, sondern einfach ganz normal. Was nicht bedeutet, es hinzunehmen! Aber stellte nicht schon Hannah Arendt in dem Eichmann-Prozess fest, dass er ein ganz normaler Mensch war? So, wie auch viele seiner Kollegen und Mitarbeiter über meinen Vater geurteilt hätten: Ganz normal. Nett, freundlich, gebildet, ein guter Arzt. Die Frage ist: Suchen wie bei den Tätern – und natürlich auch bei den Täterinnen (ich gendere nicht, sorry) – das Extrem, das, was uns emotional erfasst – statt dass wir endlich das ganz Normale erkennen würden?

Bei mir hat das regelrecht „eingeschlagen“, denn ich erkannte, dass auch ich „ganz normal“ war. Also verführbar, manipulierbar, benutzbar. Sowohl in meinem Beruf als Anwalt wie als Politiker. Selbstverständlich für die SPD. Nur bedeutete das nicht, dass ich nicht korrumpierbar gewesen wäre. Natürlich immer in der festen Überzeugung, nur das Richtige zu tun. Was es aber nicht war. Und was jetzt? Die für mich stimmige Lösung zeigt mir gerade die Corona-Pandemie.

Zuerst kommt die wissenschaftliche Betrachtung. Wissenschaftler sagen nicht, was wir tun sollen, sondern erklären nur, wie bestimmte Dinge funktionieren. Wie etwa die Denkstrukturen, die Ausgrenzung mit sich ziehen. Mit welchen strukturellen Konzepten muss ich denken, um einen anderen auszugrenzen? Ganz einfach, ich bediene mich des naturalistischen Fehlschlusses, vertausche einen Fakt mit einem Wert. Das machten die Nationalsozialisten permanent. Und auch heute noch sehr viele. Wenn man genau hinschaut, findet man bei jeder Art der Ausgrenzung diese Denkstruktur: Es wird versucht, die Eigenschaft „gut“ als eine bestimmte deskriptive, natürliche oder metaphysische Eigenschaft oder Relation zu definieren. Oder ich verwende einen moralistischen Fehlschluss, der unterstellt, dass Eigenschaften, die mit bestimmten ethischen Werten belegt sind, natürliche Tendenzen zum Ausdruck bringen.

Klimaforschung hat nichts mit Klimapolitik und Virologie nichts mit (Corona-) Maßnahmen zu tun. Oder die Feststellung dessen, was etwa mein Vater im Nationalsozialismus getan hat, hat nichts damit zu tun, wie ich ihm (in Gedanken) begegne. Aber erst muss ich einmal die Faktenlage klären, dann kann ich mich fragen, wie ich ihm begegnen will. Und vor allem, was mir das über mich selbst als seinen Sohn aussagt. Wir wissen ja heute dank der Forschung zu Kriegskindern und Kriegsenkel wie auch der Epigenetik, dass die Verflechtungen wesentlich tiefer gehen, als viele bisher annahmen – und das vielleicht auch noch immer tun.

Will ich das Leben also wirklich spielen, darf ich keine meiner Wertungen und Bewertungen für die Wirklichkeit halten. Fakten ja, aber keine Interpretationen.