Innehalten

Manchmal macht es wirklich Sinn, innezuhalten. Wie gerade aktuell.

Wir erleben eine Zeit, die viele als extrem herausfordernd empfinden. Nur, was ist dabei herausfordernd? Der uns aktuell alle mehr oder weniger beschäftigende Virus kann es oder sollte es nicht wirklich sein, denn das ist ein absolut natürlicher Vorgang, was jetzt nicht bedeutet, dass man ihn toll finden muss oder ihm fatalistisch begegnen sollte. Dahinter steckt letztlich ein Regelmechanismus, den wir dank unserer medizinischen Erkenntnisse in sehr vielen natürlichen Prozessen beeinflussen können.

Die Frage ist, ob wir solche Regelmechanismen beeinflussen oder ob wir sie im negativen Sinn manipulieren. Vor zirka hundert Jahren hat uns das schon Werner Heisenberg prophezeit. Er beschrieb die Situation des Menschen so, als stünde er vor einer Wand; nur dass diese Wand er selbst sei. Der Mensch, so Heisenberg, ist mit sich selbst konfrontiert.

Vielleicht war das ja auch die Wand, vor der Bodhidharma, ein Urgestein des Ch’an, neun Jahre lang meditiert haben soll. Also wenn das so ist, dann sitze ich schon lange vor dieser Wand. Obwohl, bewusst ist mir das erst, seit ich Motorrad fahre. Da habe ich nämlich begriffen, dass ich Methoden & Konzepte, von denen ich früher immer so begeistert war, schlichtweg entsorgen kann. Aber das ist was anderes. Oder vielleicht doch nicht?

Wir hatten kürzlich ein interessantes Gespräch um die Frage, ob wir in unseren Wäldern Wölfe brauchen oder nicht. Wölfe sind „eigentlich“ ein unverzichtbares Element im Ökosystem. Die Frage ist, ob sich die Erfahrungen aus dem Yellowstone-Nationalpark auf unsere Wälder übertragen lassen. Fakt ist jedenfalls, dass der Mensch gravierende Eingriffe in das Ökosystem vornimmt; er andererseits aber die Zusammenhänge nur ansatzweise versteht.

Nehmen Sie nur einmal die Tageszeitung, werfen einen Blick hinein und fragen sich dann, ob das noch normal ist, was da in der Welt passiert. Ich denke, sie werden sagen „nein, das ist nicht normal“. Das ist zwar nicht richtig, denn es ist ja leider normal, die Menschheit tut das eben, aber es sollte nicht normal sein, wirklich nicht.

Was also tun, sprach Zeus! Ich finde es wirklich an der Zeit, uns zu überlegen, was wir da machen. Zurückdrehen kann man die Zeit nicht, das ist illusorisch. Es wird immer Menschen geben, die ausprobieren, was geht und was machbar sein könnte. Der Mensch scheint nun einmal so zu sein.

Andererseits haben wir mittlerweile erkannt, dass die Wirklichkeit ganz anders ist, als wir uns bisher vorgestellt haben. Steckt vielleicht genau da das Problem drin, dass wir nicht sehen können, was ist? Das liegt natürlich nicht an unseren Augen, sondern an unserem intellektuellen Verständnis von dem, was wir sehen. Die Welt „sehen“ wir ja nicht, sie entsteht vor unseren inneren Augen, wir denken sie letzten Endes.

Die Erkenntnisse der Quantenmechanik fordern uns fraglos auf, uns zu fragen, was denn wirklich wirklich ist, statt weiter an Konzepten und Methoden festzuhalten, deren Fehlerhaftigkeit wir schon lange kennen. Die Frage ist nur, warum machen das so viele? Ein Beispiel:

Es gibt ja das bekannte Pareto-Prinzip, dass man mit 20 Prozent seines Einsatzes 80 Prozent seiner Wirkungen erreichen können soll. Manche halten das methodisch betrachtet für Quatsch, denn es handle sich um ein Prinzip, das erst in der Nachbetrachtung enthüllt, welche 20% der Ursachen zu 80% des Erfolgs geführt haben.

Nur fragt kaum jemand, was das „Pareto-Prinzip“ eigentlich ist, und wer als erster darauf kam. Das war Vilfredo Pareto, der 1906 die Verteilung des Grundbesitzes in Italien untersuchte und herausfand, dass circa 20 % der Bevölkerung etwa 80 % des Bodens besitzen. Ganz andere Baustelle! Und so gibt es, nicht nur im Management, jede Menge Mythen.

Dass die übliche Vorstellung von der Wirklichkeit auch ein Mythos ist, dass wissen vielleicht Quantenphysiker, aber die Mehrheit nicht. Und das ist ein ernstes Problem. Genau deswegen macht es Sinn, einmal inne zu halten und die Dinge wirklich zu reflektieren und ihnen auf den Grund zu gehen.

Die wichtige Frage aber ist, weshalb wir so leicht und auch beharrlich auf Mythen reinfallen. Ganz einfach, weil es so einfach ist. Drastischer kann man die nicht beschreibbare Komplexität nicht reduzieren. Mythen sparen uns also eine Menge Denkarbeit und Reflexion wie auch Selbstversenkung.