Inne halten

Ich denke, es ist an der Zeit, inne zu halten und den Dingen auf den Grund zu gehen. Wirklich auf den Grund, denn das ist notwendig, wollen wir in der Welt nicht weiter so destruktiv vor uns hinwursteln. Gerade bin ich wieder einmal darüber gestolpert, dass es „richtig“ und „falsch“ ja nur in der relativen Wirklichkeit geben kann, nicht aber in der absoluten Wirklichkeit.

Ich glaube nicht, dass Werte einen Menschen altruistisch und mitfühlend werden lassen oder gar machen können. Ich denke, er muss etwas erkannt haben, unmittelbar. So wie vor 2500 Jahren manche Ch’an-Menschen. Aikido etwa ist keine Frage der Werte, die jemand hat, sondern eine Erkenntnis. Ich kann jemanden nicht umbringen, weil ich weiß, dass man das nicht tun soll oder weil es meinem Wertekodex widerspricht. Oder ich weiß mich eins mit ihm. Ich denke, das ist etwas anderes.

Ueshiba Morihei nannte seine Kampfkunst erst Aiki-Bujutsu, später Aiki-Budō und noch später Aikido. Darin kommt zum Ausdruck, dass er versuchte, die wahre Bedeutung seiner Kampfkunst in dem Namen auszudrücken; wobei mir das Wort „Kampf“ nur schwer über die Lippen geht. Bujutsu ist der Oberbegriff für die früheren japanischen Kriegskünste; Budō ist der Oberbegriff für alle japanischen Kampfkünste, die – im Gegensatz zu den traditionellen Bujutsu-Kriegskünsten – außer der Kampftechnik noch eine „innere“ Dō-Lehre oder auch -Philosophie enthalten. Während Bujutsu noch die Effizienz nach außen als Priorität hat, ist das Budō eine auf das Innere des Übenden abzielende Tätigkeit.

Das der Dō-Lehre zugrunde liegende Dào lässt sich am besten wohl als „der rechte Weg“ im Sinne einer Denkrichtung verstehen. Das Dàodéjīng des Lǎozǐ stellte das Dào zum ersten Mal als eine Art von transzendenter höchster Wirklichkeit und Wahrheit dar.

Wenn ich mir das betrachte, kommt mir spontan in den Sinn, dass auch wir Menschen heute einen solchen inneren Weg, ein Dào bräuchten. Nur es ist Eines, diesen Weg zu lernen und etwas Anderes, ihn wirklich zu gehen. Ihn zu gehen bedeutet, sich selbst auf den Grund zu gehen. Und die Auflösung des Dilemmas von „richtig“ und „falsch“ ist ein wesentlicher Bestandteil davon, denn ich kann nicht wirklich sehen, was ist, solange ich urteile und beurteile. Solange ich das aber tue, bewege ich mich in meiner subjektiven Weltsicht und damit in der relativen Wirklichkeit; mit der Folge, dass ich dann blind bin für den oder das Andere.

Wie jemand, der Aikido praktiziert, muss ich die Destruktivität meiner Lebensweise erkennen und ihr ernsthaft begegnen wollen – und mich nicht nur hinter einem Feigenblatt zu verstecken zu suchen. Auch der, der nichts Böses tut, kann gleichwohl destruktiv denken, wahrscheinlich ohne, dass es ihm selbst bewusst wäre.

Ich höre gerade das Stück „Love“ von Kroke und frage mich, ob ich das Stück wirklich hören könnte, wenn ich darüber urteilen oder es bewerten würde? Nein, das könnte ich nicht, was nicht bedeutet, dass ich das Stück gerade annehmen und wertschätzen kann oder eben nicht, einfach, weil es nicht mit meiner Gestimmtheit im Gleichklang ist, ihr entspricht. Wertschätzen kann ich nur das, was mir entspricht, genauso wie das, was ich ablehne. Voraussetzung ist aber, dass ich nicht urteile, nicht bewerte und auf meinem inneren Weg zu mir selbst bei mir angekommen bin.

Ich erlebe das ganz pragmatisch – lachen Sie bitte nicht – beim Motorradfahren. Da bewege ich mich im Flow, ich urteile und beurteile auch nicht mehr, aber ich kann in meiner Fahrweise trotzdem destruktiv sein. Die Kunst, also im Flow Motorradfahren zu können, ist nicht alles, hinzu kommt meine innere Haltung. Und da ist es egal, ob ich Aikido praktiziere oder eben Motorradfahren.

Also höre ich auf, anderen zu sagen, was sie zu tun haben, sondern kümmere mich um meinen eigenen inneren Weg. Und bin ich bei mir selbst angekommen, werde ich niemandem mehr mit Urteilen und Bewertungen begegnen, was nicht bedeutet, dass ich dann alles gut fände, was derjenige tut, denn auch das wäre ein Urteil, eine Wertung.