Bild



Bild

Persönliche Eindrücke

Bild

Das Ende der Konvention

Als ich mit 65 meinen Motorradführerschein machte, wusste ich noch nicht, was mich da erwartete. Es war eine Faszination, die mich immer mehr ergriff, je besser ich lernte, mit meinem Motorrad umzugehen.

Aber ich begriff schnell, dass die Medaille zwei Seiten hat. Kürzlich las ich einen Bericht über einen Geschäftsmann, der sowohl meditiert wie seine Leute schikaniert. Erinnerte mich spontan an die Yakuza. Die bringen sich mit Meditation in Form, um dann Gewalttaten zu begehen.

Ganz ähnlich ist es mit dem Motorrad. Motorradfahren ist definitiv Meditation. Nur sind sich dessen nur wenige bewusst, weil sie die Vorstellung haben, zu meditieren hieße, sich den Hintern platt zu sitzen.

Zu meditieren bedeutet leider auch nicht, dass man automatisch zu einem besseren Menschen würde. Es ist allein die Ausrichtung, die innere Haltung, die den Charakter bestimmt.

Es geht also darum, die innere Kraft, die sich im Fahren einstellt, in den Alltag und das normale Leben zu übertragen, um ihr dann die stimmige Ausrichtung zu geben.

Stille

Irgendwann fiel mir beim Motorradfahren auf, dass es in meinem Kopf immer ziemlich schnell still wird, kaum dass ich losgefahren bin. Ich bin ganz auf das konzentriert, was ich tue. Und wenn ich doch einmal abgelenkt bin, bekomme ich das unmittelbar zu spüren.

Die Wahrnehmung verändert sich. Ich bleibe nicht mehr an allem haften, sondern habe nur meinen Weg im Blick. Ich hadere dann auch nicht mit dem, was andere gerade tun, sondern richte mich darauf ein, weiche dem aus, beharre nicht auf mein Recht, weil da kein Blech und kein Airbag sind, die mich schützen könnten.

Interessant ist auch, wie viele Kaskoversicherungen bei den Sicherheitstrainings abgeschlossen wurden, bei denen ich dabei war. Nämlich keine. Man ist sich seiner Schwächen wie seiner Verletzlichkeit bewusst und bleibt innerhalb der durch das eigene Können klar definierten Grenzen.

Man ist sich seiner selbst sehr, sehr bewusst. Diese Selbstbewusstheit und die gedankliche Stille gehen Hand in Hand einher. Aber man denkt auch nicht darüber nach, ob man etwas kann oder nicht, man weiß es einfach. Intuitiv, ohne Worte.

Surfen

Dass man mit dem Motorrad auch surfen kann, das habe ich auf einem Fahrsicherheitstraining gelernt. Eine faszinierende Erfahrung, das Motorrad zügig, aber möglichst ohne Betätigung der Bremse zu bewegen.

Eine wirklich faszinierende Erfahrung. Mit einem Mal habe ich gemerkt, wie ich mich selbst immer ausgebremst habe. Das ständige Betätigen der Bremse hat mir wie ein Reflex ein scheinbares Sicherheitsgefühl vermittelt, das mich letztlich davon abhielt, meine Möglichkeiten überhaupt zu erkennen.

Eine völlig paradoxe Reaktion und Erfahrung. Und mit einem Mal steht nicht mehr die Geschwindigkeit im Fokus, sondern eine Art von elegantem Schwingen stellt sich ein. Man fährt nicht mehr über die Straße, man tanzt irgendwie über sie.

Der Geschwindigkeitskick ist weg, dafür wird das Fahren genussvoller. Irgendwie ist es, als würde man sich von seinem Ego lösen.

Würde

Seit langer Zeit frage ich mich, was ich als Einzelner tun kann, um etwas in der Gesellschaft zu bewegen. Scheint ein nie gestorbener Jugendtraum aus den 68er Jahren zu sein.

Und seit ich Motorrad fahre, beschäftigt mich das noch mehr. Hier erlebe ich für mich immer wieder zwei Welten; eine meditative, wenn ich fahre, und dann eine ganz andere, wenn man in den Pausen zusammensitzt.

Ich habe schon überlegt, ob ich nicht einfach eine eigene Gruppe gründen sollte: NBaG. Null Bock auf Gelaber. Und genau da kam das Thema Würde von Gerald Hüther daher. Ja, es geht um unsere Würde, die wir allzu schnell und allzu leicht aufgeben.

Vielleicht ein Weg in die richtige Richtung? Wer weiß?

Weg

Der Weg ist das Ziel. Das ist beim Motorradfahren keine Frage, jedenfalls für viele von uns. Und das gilt auch für die Zeit. Sie wird nebensächlich. Natürlich leben wir nicht zeitlos und irgendwann ist auch für uns der Tag vorbei, aber Zeit hat eine ganz andere Bedeutung als üblicherweise.

Sie ist keine permanente Mahnung mehr, sondern einfach nur ein Mittel, um den Tag so zu strukturieren, dass wir ihn optimal nutzen können. Wenn man drei Stunden unterwegs ist, dann sagt einem die Uhr einfach, dass man die Pause nicht vergessen sollte. Mehr aber nicht.

Und natürlich hat man meist auch ein Ziel, doch der Weg dorthin ist offen. Es geht um das Fahren und nicht um das Ankommen, obwohl es mir auch wichtig ist, anzukommen. Das ist klar. Jedenfalls für mich.

Die Zeit ist nur eine äußere Strukturangabe, so wie die Kilometer einer Strecke. Schade, wenn die Zeit durch Kilometer ersetzt werden und man sich damit etwas beweisen will.

Selbsterfahrung

Motorradfahrer wissen, ob männlich oder weiblich, um die Faszination des Motorradfahrens, eine Faszination, die man Nicht-Motorradfahrern nur sehr schwer vermitteln kann.

Das ist etwa so, als wolle man jemandem die Erfahrung und die Erkenntnis einer langjährigen Zen-Praxis in einem Satz erklären. Oder warum man sein Leben nach den Prinzipien des Teeweges gestalten soll und warum Einfachheit einfach mehr ist. Es geht einfach nicht. Man muss es selbst machen. Aber das ist noch lange keine Garantie dafür, dass derjenige, der Motorrad fährt, auch den ‚inneren Weg‘ des Motorradfahrens geht. Das ist wie beim Zen. Oder der Kampfkunst.

Es gibt erst einmal ‚nur‘ den äußeren Weg, den jeder geht, der das praktiziert. Den ‚inneren Weg‘ zu gehen, das bedeutet Selbstüberwindung. Und das hat überhaupt nichts mit Motorradfahren zu tun. Oder mit Zen. Oder dem Teeweg. Das ist allein der äußere Rahmen. Das, was man überwinden muss, wenn man den inneren Weg gehen will, das ist das Ego, die Überzeugung, es gäbe dieses aus sich selbst heraus existierende Selbst wirklich.

Es geht also um mehr als ‚nur‘ Motorrad zu fahren, Zen oder den Teeweg des Alltags zu praktizieren.

Selbsterkenntnis

Nach der Selbsterfahrung kommt die Selbsterkenntnis. Denn das ist die eigentliche „Funktion“ jeglichen Persönlichkeitstrainings und jeglicher Selbsterfahrung. Und eben auch die des Motorradfahrens, wenn man es einmal unter dieser Perspektive sieht.

Es geht allein darum, zu sein, was ich bin und nicht etwa darum, etwas werden zu wollen. Ich kenne wirklich niemand, der gerade begreift, dass er ein richtiger Depp ist, der bemerkt, was er damit anrichtet, sieht, wie sein Ego sich so richtig aufplustert und nicht augenblicklich damit aufhört.

Er will also nichts werden, sondern er sieht einfach nur, was ist. Aus dieser Perspektive betrachtet hat Motorradfahren eine doppelte Funktion. Zum einen zeigt es mir, was passiert, wenn ich wirklich einmal mit dem Denken aufhören kann und mir selbst vertraue, ohne mir selbst ständig dazwischen zu quatschen und zum anderen zeigt es mir, wie ich mir im normalen Leben selbst im Weg stehe und dass ich immer besser werde, je besser ich mir selbst aus dem Weg gehen kann, mich selbst vergessen kann.

Wenn das kein „Modell“ für das ganz normale Leben ist!