Bild



Bild

Das Dilemma auflösen

Bild

Meine Welt des konstruktiven Zweifels

„Die verhängnisvolle Neigung der Menschen, über etwas, was nicht mehr zweifelhaft ist, nicht länger nachzudenken, ist die Ursache der Hälfte aller Irrtümer.“
John Stuart Mill

„Durch Zweifeln kommen wir nämlich zur Untersuchung; in der Untersuchung erfassen wir die Wahrheit.“
Petrus Abaelardus

„Denn der radikalste Zweifel ist der Vater der Erkenntnis.“
Max Weber

„Erst zweifeln, dann untersuchen, dann entdecken.“
Henry Thomas Buckle

„Zur Abwehr der Zweifel wird die bewusste Einstellung fanatisch, denn Fanatismus ist nichts anderes als überkompensierter Zweifel.“
Carl Gustav Jung

„Zweifle nicht an dem, der dir sagt er hat Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kenne keinen Zweifel.“
Erich Fried

Wie heißt es doch im Zen so schön?

Keine Zweifel, keine Erleuchtung.
Wenig Zweifel, wenig Erleuchtung.
Große Zweifel, große Erleuchtung

Das zu verstehen setzt voraus, konstruktiv zweifeln zu können. Der „große Zweifel" hadert nicht mit den Lebensumständen, ganz im Gegenteil. Wenn ich auf diese Weise zweifle, dann weiß ich um mein Nicht-Wissen und will nichts sehnlicher, als das Feld meines Wissens größer und größer werden zu lassen und den Horizont meines Denkens und meines Verstehens immer weiter auszudehnen.

Es ist ein Zweifel, der ein starkes Selbstbewusstsein und vor allem tiefes Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten sicht- und erkennbar macht. Aber es ist auch ein notwendiger Zweifel, will ich mich in meinen eigenen oder übernommenen Ansichten nicht selbst gefangen halten.

H. G. Wells beschreibt in dem Stück „Im Land der Blinden“ genau diesen Unterschied im Zweifeln: Einmal den berechtigten und dann den nicht berechtigten, den unterwürfigen Zweifel. Étienne de La Boétie beschreibt in seinem Büchlein „Von der freiwilligen Knechtschaft des Menschen“ was passiert, wenn Menschen dem unterwürfigen und devoten Zweifel anheimfallen: Sie versklaven sich selbst, nur um ein Stückchen Macht zu bekommen. Dabei ist es gerade in unserer Zeit wirklich angebracht, unsere Ansichten und Überzeugungen auf dem Amboss des konstruktiven Zweifels wie ein gutes Schwert wieder und wieder zu läutern, so lange, bis sie nicht mehr brechen können.

Wenn man sich wie ich intensiv mit den Gedanken des Zen beschäftigt, sind solche Zweifel nicht nur notwendig, sondern unabdingbar, will ich nicht übersehen, dass der unpolitische Charakter des Zen-Buddhismus ihn für Instrumentalisierungen aller Art äußerst anfällig macht und nicht selbst darauf hereinzufallen. Unter nicht reflektierten Verhältnissen dient er eben der Selbstoptimierung, nicht nur von Führungskräften.

Hinter solchen Übernahmen stecken oft kulturunkritische Sehnsüchte, die einen immer wieder gewaltig in die Irre führen können. Darum mahne ich mich immer wieder, pragmatisch zu bleiben, um nicht in den Mystizismus abzugleiten und immer wieder zu verifizieren, wovon ich überzeugt bin.