Herangehensweise

Was ist der Weg von potentiell böse zu potentiell gut? Philip Zimbardo, emeritierter Professor für Psychologie an der Stanford University, hat über das Problem von gut und böse geforscht und dieses Phänomen „Luzifer-Effekt“ genannt. Eine erste Annäherung hat er bereits 1971 in dem berühmten Stanford-Experiment gewagt. Seine – erschreckende – Erkenntnis: „Ich bin der autoritäre, herrische Machtmensch geworden, dem ich mich mein ganzes Leben entgegengestellt, den ich sogar verabscheut habe.

Die Ergebnisse des Stanford-Experiments habe ich bei MIR SELBST festgestellt, ich habe erkannt, dass ich genau wie mein Vater zwar nicht war, aber genauso dachte wie er. Und da half auch die SPD-Mitgliedschaft nicht weiter, offensichtlich nur ein Mäntelchen. Das Schlimme ist, ich glaubte immer, dass ich das Richtige tun würde! Judenhass, Rassendiskriminierung, Ausländerfeindlichkeit – für mich ein absolutes No-Go! Und genau diese Überzeugung war mit dem Stanford-Experiment einfach nicht mehr zu halten.

Ich bin – hoffentlich – einen Schritt weiter gekommen und habe, jedenfalls für mich, erkannt, dass das „Problem“ in meinem Denken liegt, aber nicht nur in meinem. Genauer geht es um das Weltbild, von dem aus ich denke. Sehe ich nicht, was wirklich ist, sondern erliege einer unzutreffenden oder gar falschen Wahrnehmung, dann habe ich ein entsprechendes Weltbild. Mittlerweile wissen wir definitiv, dass die übliche Weltsicht nicht vollständig ist, also viele reduziert wahrnehmen. Es werden Symptome mit Ursachen verwechselt. Sich darauf einzulassen verlangt erst einmal eine Menge Mut, denn das stellt einen selbst in Frage. Warum das so ist, das bitte ich einfach einmal so stehen zu lassen, ich versuche es an anderer Stelle immer wieder zu erläutern.

Ein Hinweis: Als im Ersten Weltkrieg englische und deutsche Soldaten an Weihnachten aufhörten, sich gegenseitig umzubringen, sondern gemeinsam Weihnachten feierten, um sich dann am nächsten Tag wieder gegenseitig zu erschießen, also umzubringen, dann ist das kein Zeichen von Menschlichkeit, sondern genau das Gegenteil. Ich sage immer: Kaum ein Tier würde seine eigene Spezies umbringen, es sei denn, es gibt triftige Gründe, etwa wenn dadurch das eigene Überleben gefährdet wäre. Das dachten sich im Dritten Reich viele, doch nur aufgrund eines Denkfehlers, einem schrecklich banalen naturalistischem Fehlschluss. Aber ich denke, dass in keinem der Kriege, die die Menschheit geführt hat, das eigene Überleben im Fokus der Menschen stand, allenfalls, wenn man dem Gegner Aug in Aug gegenüber stand.

Die Botschaft von Hannah Arendt verhallt leider noch immer ungehört: Es waren ganz normale Menschen, keine Bestien, keine Monster. Doch wenn die – wie mein Vater – ganz normal und Mörder waren beziehungsweise wurden, dann bedeutet das, dass auch ich das werde oder werden kann, wenn die Umstände entsprechend sind. Ich habe also schlicht nur Glück gehabt. Oder ich habe einfach nicht gemerkt, nicht was ich getan, sondern was mein Tun bewirkt hat.

Es braucht mehr als Wissen, um dieser geistig-gedanklichen Falle entkommen zu können. Denn in der Falle saß ich, nur sie ist nicht zugeschnappt, die Zeiten waren einfach gnädig mit mir. Es geht um mein und vielleicht auch unser aller Denken, das es zu ändern gilt. Nicht das Denken an sich, sondern die Strukturen.  Das ist kein Einmaleins, das ich auswendig lernen könnte und dann ist es gut, es geht um meine innere Denkstruktur. Die aber ändert sich nicht so einfach.

Ich habe gerade das Buch „Physik und Unendlichkeit“ gelesen, das Lösungen ganz klar aufzeigt – aber keine Weg, wie man da hinkommen kann. Nur es ist eines, das für mich selbst zu erkennen und damit zu beginnen, es umzusetzen; etwas ganz anderes ist es, wie man das jungen Menschen vermitteln kann, die anders als ich mit meiner Familiengeschichte, nicht den Druck haben, anders leben zu wollen, sondern die nach dem Motto leben „Ist doch alles gut!?“, dabei aber nicht merken, dass sie – bildlich gesehen – einen Schritt vor dem Abgrund stehen, ihn aber nicht wahrnehmen

Es braucht also mehr als Wissen, um dieser geistig-gedanklichen Falle entkommen zu können. Denn in der Falle saß ich, nur sie ist nicht zugeschnappt, es waren  andere Zeiten. Gott sei Dank. Es geht mir daher um die Frage, wie man das, was ich erkannt habe – sofern man es für richtig gedacht hält – an junge Menschen weiter geben kann, ihnen vermitteln kann. Und vor allem, wie man es selbst zu internalem Handlungswissen werden lassen kann. Es klingt sehr businesslike, aber was mir noch fehlt, ist das Narrativ, das Boot, mit dem man die Botschaft transportieren kann.