Harmonie ist kein Gleichklang

In der Natur „herrschen“ zwei sich scheinbar widersprechende Prinzipien. Einmal das Bedürfnis, sein Feld zu behaupten, zum anderen die Moral, die bestimmte Handlungen mit einem Tabu belegt. Das lässt sich in der Natur wie in der Gesellschaft beobachten.

Wolfsrudel grenzen sich klar gegeneinander ab und ein „fremder“ Wolf wird getötet, wenn er in das eigene Gebiet eindringt, andererseits werden die Mitglieder der eigenen Gruppe aufopferungsvoll und sogar bis zum eigenen Tod versorgt und gepflegt.

In der Gesellschaft ist das sehr ähnlich. Das eigene Hab und Gut wie der „eigene“ Partner wird verteidigt, manchmal auch der ersehnte, doch umbringen darf man ihn nicht. Das sagt einem die Moral, entweder die „gelernte“ oder die selbst definierte.

Die „Regeln“ im Tierreich wie in der Gesellschaft folgen also den selben Prinzipien, auch wenn sie sehr unterschiedlich ausgestaltet sein können. Das lässt sich auch innerhalb einer Tierart feststellen, etwa bei den Affen, wo es von dem Patriarchat bis zum Matriarchat und von der autoritären Herrschaft Einzelner bis zu basisdemokratischen Strukturen der Bonobos alles gibt. Oder wohl eher nichts, was es nicht gibt.

Das „Problem“ ist, dass wir die eigene Lebensform als „die“ richtige ansehen und andere Lebensformen ablehnen, statt uns zu fragen, was den anderen bewegt, genau so und nicht anders zu leben.

Wir sehen die Lösung daher schnell zwischen zwei sich widersprechenden Polen, doch selten sehen wir die Komplexität des Ganzen. Bei den Wölfen im obigen Beispiel kommt etwas Drittes hinzu, denn nur durch die Territorialität, die letztlich ihrem Verhalten gegenüber Eindringlingen zugrunde liegt, kann das Überleben der Gruppe gewährleistet werden.

In der Natur kommt noch etwas weiteres dazu, eine übergeordnete Regulation, die, so könnte man meinen, die Vielfalt und Schönheit der Natur im Blick hat. Wunderbares Beispiel dafür ist der Yellowstone-Nationalpark. Der wurde wieder zu einem funktionierendem System, aber nicht durch den Menschen, sondern durch die Wölfe, die sozusagen als Super-Ökologen fungierten. Also sind das eigene Feld bewirtschaften und Moral nicht die alleinigen Prinzipien, sondern es kommt noch viel, viel mehr dazu.

Was uns wie „fressen und gefressen werden“ erscheint und was wir oft auch selbst so leben, weil wir es für stimmig halten, ist nur die trivialisierte Variante eines wesentlich komplexeren Systems. Man darf sich also nicht, wie wir es gerade in wirtschaftlichen Fragen tun, auf eine Ebene festlegen, sondern man muss auch die höheren Prinzipien sehen.

Ein sehr schönes Beispiel ist die Musik Bachs. Was auf den ersten Blick „nur“ ein Gegeneinander von Punkt und Kontrapunkt, von „Note gegen Note“ zu sein scheint, ist tatsächlich vollendete Harmonie. Wahrlich nicht einfach, aber wunderbar.

Nur warum finden wir so vieles in der Natur oder die Musik Bachs so schön? Ganz einfach deshalb, weil darin eine Harmonie zum Ausdruck kommt, nach der wir uns letztlich selbst sehnen, weil sie auch für und in uns immanent ist.

Also sollten wir in wirklich allem Harmonie suchen, aber nicht nur innerhalb einer Gruppe, sondern im Ganzen. Also keine Grenzen ziehen!