Gut oder böse?

Diese Frage bleibt mir ein Leben lang; sie stellt sich mir jeden Moment neu, wieder und wieder. Doch es ist mir immer möglich, mich für das Richtige zu entscheiden, so wie es mir auch möglich ist, mich für das Falsche zu entscheiden, ist es doch immer eine Entscheidung, in jedem Moment. Wobei sich das sehr schwer ausdrücken lässt, bewegt sich unsere Sprache immer nur in dem relativen, nie in dem absoluten Raum, der sich sprachlich nicht fassen lässt. Denn es geht nur vordergründig um „richtig“ oder „falsch“, nur haben wir dafür kein angemessenes Wort, jedenfalls ich weiß keins.

Bisher dachte ich immer, ich würde in dem Spannungsfeld von Gut und Böse leben, doch das tue ich wohl nicht. Mir ging nicht aus dem Kopf wie es sein kann, dass ein Mensch, der an und für sich nur „Gutes“ im Sinn hat, urplötzlich und wie aus dem Nichts „Böses“ tun kann. Es gibt definitiv zwei Zustände, den guten und den bösen. Doch die existieren nur in dem Moment, in dem ich mich für das eine oder andere entschieden habe. Davor befinde ich mich in einem dritten Zustand, den ich leider (noch) nicht benennen kann. Ein Physiker würde es Superposition nennen, ein Ch’an Mensch den Zustand der Leere, der Moment zwischen zwei Entscheidungen.

Bei uns im Westen beginnen wir erst seit Kurzem, uns dieses Zustandes auch wissenschaftlich bewusst zu werden. In diesem nicht differenzierten Moment, in dem sich (m)eine Entscheidung bildet, muss ich extrem achtsam sein, aber auf nichts spezifisches, sondern einfach nur achtsam, denn das bestimmt, wohin oder wofür ich mich entscheide. Mit anderen Worten, ich muss mir jeden Moment bewusst sein, wo ich mich bewege, was jedoch nicht bedeutet, dass ich etwas spezifisch wahrnehmen könnte.

Ich nenne es gedankliche Propriozeption, kombiniert mit implizitem Wissen. Bei der körperlichen Propriozeption weiß ich beispielsweise, wo sich die Hände befinden, wenn ich den Reißverschluss an meiner Jacke zumache, ich aber nicht hinschaue. Genauso ist es mit der gedanklichen Propriozeption. Da weiß ich, wo ich mich gedanklich bewege, bin mir also bewusst, doch ich könnte es nicht benennen. Versuche ich es zu benennen, ist es im selben Moment weg. Doch diese Propriozeption reicht nur soweit, wie ich über implizites Wissen verfüge; explizites Wissen genügt dafür nicht.

Das mag kontinuierlich erscheinen, doch das ist es nicht, vielmehr ist es wieder und wieder eine neue Entscheidung. Das darf ich einfach nie vergessen. Fatal wird es, wenn ich mir dessen nicht mehr bewusst bin und auf Automatik geschaltet habe. Wie soll ich mir dann sicher sein, nicht auf der falschen Seite zu sein?

Selbst wenn ein Mensch meist nur gute Taten vollbringt und anderen hilft, kann er auch böse handeln. Denn in jedem Menschen sind beide Eigenschaften verankert. Daraus ergibt sich immer die Frage nach der Ursache menschlichen Verhaltens, seiner Freiheit und Verantwortung.“ Ein Gedanke von Tobias Noss, den ich für sehr wichtig und absolut wesentlich halte.