Grundlegendes

Es ist vollkommen ausreichend, das Grundlegende zu beachten. Der Rest ergibt sich von selbst.

Das zu wissen ist das eine, denn es ist absolut logisch, doch es ist nicht so einfach, es auch wirklich als Realität zu akzeptieren und dementsprechend zu handeln. Doch das beantwortet die Frage nicht, weshalb es genügen soll, nur das Grundlegende zu beachten. Im Ch’an wäre das der Kerngedanke des Tetralemma:

Schon die Begriffe Substantialismus, Subjektivismus,Holismus wie Instrumentalismus werden allesamt als nicht zutreffende Annahmen angesehen. Es geht ausschließlich – so Nagarjuna –  um Nichtvergehen und Nichtentstehen, Nichtabbrechen und Nichtandauern, Nichteinheit und Nichtvielheit und Nicht-zur-Erscheinung-Kommen und Nicht-aus-ihr-Verschwinden. Das lässt sich in einem Satz zusammenfassen: „Es gibt keine Wirklichkeit, es gibt nur eine Beschreibung.“

Eine Sichtweise beziehungsweise ein Weltverständnis, das auch die Quantenmechanik teilt. Die sind sich darüber einig, dass es Materie, Raum und Zeit so, wie wir uns das üblicherweise vorstellen, überhaupt nicht gibt. Für Anton Zeilinger ist die Information grundlegend, wobei ‚Information‘ hier ganz anders als üblich zu verstehen ist.

Ein Beispiel: Satyendranath Bose, ein Physiker zu Einsteins Zeit, hatte eine offene physikalische Frage durch einen vermeintlichen Fehler gelöst. Also verbarg sich hinter dem vermeintlichen Fehler eine tiefere Einsicht in die Wirklichkeit. Er zeigte auf, was man bisher falsch gedacht hatte, eine unzutreffende Annahme. Bose ‚ignorierte‘, dass die einzelnen Zustände von Teilchen eindeutig seien, wovon man bisher ausging – was sie aber nicht sind, wie man heute weiß.

Schlicht und einfach eine unzutreffend Annahme. Man kann Teilchen keine eindeutige Identität zuweisen, wie ich es bei den Dingen auf meinem Schreibtisch tun kann – und wie es der ‚gesunde Menschenverstand‘ erwartet. Lichtstrahlen bestehen aus massenhaft auftretenden Photonen, doch um ihre Aufgabe zu erfüllen brauchen sie keine Identität. Doch Sie können beruhigt sein, denn der Wahnsinn der Quantenmechanik geht weiter – und das mit Methode.

Und genau deswegen scheint (oder ist) Zeilingers immaterielle Annahme absolut stimmig zu sein, dass wir bei der Betrachtung der Dinge nicht von Energie und Materie auszugehen dürfen, sondern von Informationen. Darin sind sich die Ch’an-Menschen und die Quantenmechaniker einig: Alles entspringt einem Geist, was auch immer der ist. Sicher ist das nicht das, was ich bisher dachte, wo meine Gedanken ihren Ursprung haben.

Nur was bedeutet es, das sich der Rest daraus ergeben soll? Ich verstehe das so: Wenn die Wirklichkeit nicht materiell ist, darf auch der Austausch darüber nicht ‚materiell‘ sein, ich darf also keinen Begriffen eine vermeintliche oder diskret unterstellte Substanz verleihen – Punkt 1) des Tetralemma. Beachte ich in meiner Argumentation konsequent alle 4 Punkte des Tetralemma, denke ich nicht mehr nach, sondern bewege mich im Feld des NichtDenkens, wie es im Ch’an genannt wird.

Also spreche ich nicht mehr über Inhalte, sondern über die Strukturen, die die Inhalte hervorbringenden. Etwa die Annahmen, die Inhalte hervorbringen. Etwa naturalistische Fehlschlüsse. Es gibt tatsächlich keine ‚falschen‘ Inhalte, aber jede Menge unzutreffender Annahmen.

Dass ‚Wirklichkeit‘ allein im Denken entsteht, darüber habe ich ja schon oft geschrieben. Doch Denken ist nicht gleich Denken. Für die einen ist Denken denken durch NichtDenken, für die anderen Nachdenken.

Nun gibt es Menschen, die diskutieren wie die Weltmeister über Inhalte, andere klären ihre Annahmen. Und beide Gruppen reden perfekt aneinander vorbei, was auch logisch ist, sprechen sie doch nicht über das Selbe und nicht einmal über das Gleiche. Was für den einen grundlegend ist, ist für den anderen ein ‚no-go‘. Und umgekehrt. Beide können einfach nicht miteinander reden.

Die wichtige Frage ist daher, wie man diesen Graben überwinden kann. Dazu braucht es Vermittler, die in der Lage sind, beides zu sehen, aber in der Welt ‚dazwischen‘ leben. Das ist der schwierigste Part, nicht Fisch, nicht Fleisch. Es sind Menschen, die sich in der Transformation befinden, vom Fisch zum Fleisch. Oder vom Fleisch zum Fisch. Denn so wie im Ch’an oder der Quantenmechanik zu denken bedeutet eine Transformation im Denken.

Der Vermittler hat eine Ahnung davon, denn er kann die Gedanken des einen wie des anderen nachvollziehen, was nicht bedeutet, dass er die Welt des Ch’an oder der Quantenmechanik als eindeutig richtig empfindet – und darüber nachdenkt.

Er ist sich noch nicht sicher, was richtig ist. Er zweifelt. Daher ist er prädestiniert, herauszufinden, was stimmt und hilft so sowohl Fisch wie Fleisch, die eigenen Annahmen immer wieder zu verifizieren. Am Ende wird er aufhören im normalen Verständnis zu denken, sondern sich im Raum des NichtDenkens und nicht mehr im Raum des Nachdenkens bewegen.

Da ist vieles möglich, was vorher unmöglich war, etwa Selbstorganisation – auch wenn Selbstorganisation immer möglich ist, vorausgesetzt sie wird nicht durch unzutreffendes Denken.

Um auf die Kaffeetasse auf meinem Schreibtisch zurückzukommen: Ich benutze sie, doch ich denke nicht über ihre Substanz nach, denn ich weiß, dass sie die nicht hat. Was bei Tassen wirklich schwierig zu ‚sehen‘ ist. Bei Bäumen ist das schon anders. Da geht es leichter, man ‚sieht‘ regelrecht die obigen Verneinungen Nagarjunas. Was die Frage aufwirft, weshalb mir das bei Bäumen und auch bei Tieren viel leichter als bei Menschen fällt.

Vielleicht, weil ich mich da nicht persönlich angegriffen fühle?