Grenzen

Nicht leicht, damit umzugehen. Um meine Grenzen zu überwinden, muss ich sie überhaupt erst einmal erkennen können. Das gelingt mir am leichtesten, wenn ich an meine Grenzen stoße und auf die jeweilige Situation nicht mit Angst und Panik reagiere, sondern diese zu untersuchen beginne.

Gelernt habe ich das ganz banal, auf dem Motorrad. Es ist dabei ganz wesentlich, sich überhaupt darauf einzulassen, auch versagen zu können! Wer sich immer auf der sicheren Seite zu bewegen sucht hat da ein ernsthaftes Problem. Also her mit der Herausforderung!

Solange man einen Flow-Zustand nicht selbst einmal bewusst erlebt hat, kann man einfach nicht mitreden. Dazu muss man die Kriterien des Flow kennen, denn erleben tun wir ihn schon – nur sind wir uns dessen selten bewusst. Jede Herausforderung taugt dafür. Etwa miteinander reden – aber keinen Smalltalk, schön brav in dem Revier der Konvention, sondern auch bereit sein, widerlegt werden zu können.

Dabei ging es mir zum Schluss nicht mehr nur darum, diese Grenzen zu überwinden, sondern ich fragte mich immer öfter, wo diese Grenzen überhaupt ihren Ursprung haben, was sozusagen die Grenzmarkierungen setzt. Es ist zu einfach, es auf das Thema ‚Angst‘ zu reduzieren, das  jedoch ist nur das Symptom, nicht die eigentliche Ursache.

Das konnte ich klar erkennen; denn als ich nach zwei Jahren den Führerschein machen konnte, fuhr ich ziemlich bald mit einer Mopedgruppe nach Sardinien, einem Motorradeldorado. Kurven ohne Ende und Straßen mit einem phantastischen Grip. Und wie ich nun mal bin, wollte ich mir selbst (!) keine Schwäche zeigen und fuhr immer ziemlich vorne mit. Auch eine Art, das Thema Angst auszutricksen, der Nutzen überwog ganz einfach. Und das Gefühl war unbezahlbar, einfach irre. Logisch, dass die Reifen blitzschnell ihren ‚Angststreifen‘ verloren haben.

Die Antwort auf die Frage nach der Ursache der ‚Angst‘ ist letztlich banal. Die Grenzen sind und waren nie gegeben, sondern allein in meinem Denken zu Hause. Aber der Reihe nach. Das Erste, was ich begriffen habe war, dass ich absolut nichts gedanklich kontrollieren kann. Auch wenn ich das gerne würde, aus meinem Denkautomatismus komme ich nie heraus.

Ich denke und handle weder willentlich-bewusst noch willentlich-kontrolliert, wie ich das früher immer dachte; sondern ich denke durch NichtDenken, was nicht nicht bewusst oder unbewusst zu denken bedeutet. Ich habe beim Denken nichts unter Kontrolle, aber alles unter NichtKontrolle! Das zu verstehen und als implizites Wissen in mein Denken zu integrieren, das ist der elementarere Schritt, ohne den ich das einfach nicht verstehen konnte.

Und genau das machte ich in Sardinien, ‚ich gab mich dem Motorradfahren hin‘ – ohne Vorbehalte. Ich glaube, das war auf meinem Weg zu mir selbst das Beste, was mir passieren konnte. Alan Watts würde es wahrscheinlich ‚die Autobahn auf den Gipfel der Erkenntnis’ nennen. Immerhin eine Etappe weit. Flow ist die radikale Abkürzung, natürlich nur, wenn einem bewusst wird, was man da tut.

Ich kenne eine Menge Motorradfahrer, die das partout nicht erkennen, was sich da ereignet. Sie verbuchen es einfach unter ‚geiles Gefühl‘ ohne der tieferen Dimension dahinter gewahr zu werden und die dann auch noch in das alltägliche Leben zu integrieren. Vielleicht fehlt ihnen dazu einfach das erforderliche Wissen?

Ch’an-Menschen eigenen sich das durch ihre oft langjährige Praxis an; aber auch da gibt es eine Abkürzung, nämlich das Wissen um komplexe Systeme und die Philosophie um die Quantenmechanik, also ihre fundamentalen Fragen. Es ist nämlich eine Sache zu glauben, man denke komplex, eine völlig andere ist es, es auch wirklich zu tun!