Geschichten, wo man hinschaut

Leider nicht nur zur Weihnachtszeit. Und selten handelt es dabei um gelebte Geschichte, Dinge die die Menschen wirklich bewegen. Kürzlich unterhielten wir uns, ob wir Silvester wieder zum Essen zu Nachbarn gehen. Doch davon kamen wir schnell ab, wir wollten nicht wieder die gleichen Geschichten hören, Geschichten, die wir schon x-mal gehört haben. Aber zu wem sollen wir dann gehen?

Schnell wurde uns klar, dass wir überall doch nur die immer selben Geschichten zu hören bekommen würden. Dabei dämmerte es uns, dass wir vielleicht ja auch nur immer wieder die selben Geschichten erzählen, eben das, was uns gerade bewegt. Ich bin mir bewusst, dass ich in der Vergangenheit und noch immer sehr viel über meine eigene Geschichte gesprochen habe und spreche. Aber vielleicht geht es um etwas ganz anderes?

Es gibt eine Zeit, in der ich mir bewusst bin, dass ich (mir) meist keine Geschichte erzähle, und das ist, wenn ich mit dem Motorrad unterwegs bin. Ich finde gerade dieses Motorradfahren so interessant, weil man sich während man fährt nur selten Geschichten erzählt, was sofort dazu führt, dass man nicht mehr gut fährt – nur weshalb machen es dann alle, sobald sie vom Moped gestiegen sind? Es ist, als würde ein Schalter umgelegt und – schwupp – sind die Menschen in einem anderen Modus. Und ich auch, weil ich mitmache, dazu gehören und nicht als Außenseiter gelten will. Und das nervt mich.

In den Geschichten, die ich erzähle, definiere ich mich selbst, erfinde ich mich. Welches Auto ich fahre oder mein Motorrad wie meine Kleidung oder meine Zimmer – all das erzählt die Geschichte, die ich mich selbst erzähle. Das Ich, von dem ich rede, wenn ich mich selbst meinen, ist immer ein Entwurf. Eine Behauptung, die ich aufstelle, wie alle anderen auch. Und indem ich das tue, mache ich mich zu etwas, von dem ich vielleicht sogar weiß, dass ich es nicht bin. Aber gern wäre.

Werde, der ich sein kann, ist also kein Gedanke eines Spinners, sondern eine durchaus realistische Überlegung. Wenn ich sowieso nur ein Prozess bin, der sich mehr oder weniger bewusst in Szene setzt, dann kann ich mich auch ganz bewusst in Szene setzen und sein, wie ich sein will. Die Schwierigkeit dabei ist, ob das mein Umfeld akzeptiert sowie die Herausforderung, mich wirklich daran zu halten.